Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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S e k u n d ä r l i t e r a t u r
Cover Schriftsteller und Dritte Welt
Nina Berman
Die Bundeswehr in Somalia und die Frage humanitärer Intervention*
Bodo Kirchhoff: Herrenmenschlichkeit
In  Paul Michael Lützeler (Hg.):
Schriftsteller und "Dritte Welt". Studien zum postkolonialen Blick.
Stauffenburg Verlag, Tübingen 1998
S. 221-242
ISBN 3-86057-208-3
Leseprobe

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Im Sommer 1993 verbrachte der deutsche Schriftsteller Bodo Kirchhoff zwei Wochen mit Journalisten und mit Soldaten der Bundeswehr in Somalia im Zusammenhang mit einer Hilfsaktion der Vereinten Nationen (UNOSOM). Diese humanitäre Intervention hatte im Januar 1992 begonnen, als politische Desintegration und eine extreme ökologische Krise Millionen von Somalis dem Hungertod auszusetzen drohten. Die Teilnahme der Bundeswehr an UNOSOM war in der deutschen Öffentlichkeit monatelang kontrovers diskutiert worden. Zum ersten Mal sollten deutsche Soldaten nicht nur humanitäre Hilfe leisten, sondern auch für mögliche Kampfsituationen ausgerüstet werden. Die Debatte entwickelte sich zu einer der Standortdiskussionen des gegenwärtigen Deutschlands, in diesem Falle über die Stellung, die das neue Deutschland auf internationaler Ebene nach dem Kalten Krieg einnehmen sollte.1
Die Veröffentlichung von Auszügen aus Kirchhoffs Somalia-Tagebuch im Spiegel und die darauffolgende Publikation der erweiterten Reisenotizen unter dem Titel Herrenmenschlichkeit (1994) im Suhrkamp-Verlag sind als Teil dieser Diskussion zu verstehen. Kirchhoffs Anliegen ist es, die umstrittene Teilnahme der Bundeswehr an der
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* Gewidmet ist der Aufsatz Dr. med. John Davira Thomas, in Erinnerung an seine Arbeit in Kenia und Uganda. Ich bedanke mich bei Peter Jelavich und Susanne Zantop, deren Kommentare bei der Erstellung dieses Aufsatzes sehr hilfreich waren.
1 Der Somalia-Debatte vorausgegangen war die Diskussion um den Golf-Krieg. In diesem Zusammenhang und besonders in bezug auf die neue internationale Rolle Deutschlands siehe beispielsweise Jürgen Habermas, "Der Golf-Krieg als Katalysator einer neuen deutschen Normalität?", Vergangenheit als Zukunft. Hrsg. v. Michael Haller. Zürich: pendo, 1991, S. 10-44.


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UNO-Hilfsaktion aus der Nähe zu begutachten, einen Augenzeugenbericht von der Lage in Somalia zu erstellen. Er thematisiert dabei nicht nur die Teilnahme der Bundeswehr, sondern auch die Frage humanitärer Intervention an sich. Kirchhoff scheint ein qualifizierter Kandidat für dieses Vorhaben zu sein; jahrelang hatte er in Erzählungen ("Olmayra Sanchez und ich", "Der Badeanzug", "Desire", "Tschakwau", 1987 mit anderen Erzählungen in dem Band Ferne Frauen erschienen) und Romanen (Zwiefalten, 1983; Mexikanische Novelle, 1984; Infanta, 1990; Der Sandmann, 1992) über kulturelle Unterschiede nachgedacht und das komplizierte Machtverhältnis zwischen armen und reichen Nationen zur Sprache gebracht. Sein literarisches Werk ist inspiriert von ausgedehnten Reisen durch Afrika, Asien und Amerika, die Kirchhoff seit den frühen 80er Jahren unternommen hat. Eindrücke von diesen Reisen hielt er auch in essayistischer Form fest.2

Dabei muß herausgestellt werden, daß es Kirchhoff nicht so sehr um die Darstellung oder das Verstehen anderer Kulturen geht, sondern in erster Linie um "das Deutsche in der Fremde".3 Das Andere dient überwiegend dazu, das Eigene (d.h. Deutsche) zu verdeutlichen. Es handelt sich somit eher um einen Lacanschen Spiegeleffekt als um den Versuch, den Anderen als Subjekt zu begreifen. Das muß allerdings im Zusammenhang damit gesehen werden, daß bei Kirchhoff auch das Eigene äußerst problematisch ist. Kirchhoffs Texte thematisieren immer wieder die Konstruiertheit des Selbst, das Nicht-Authentische des modernen, in erster Linie deutschen, männlichen Subjekts.
Kirchhoffs jahrzehntelanges Interesse an der kulturellen Alterität wird dabei ergänzt durch seine Überlegungen zur Fremde zwischen den Geschlechtern. Durchgängig beschreibt er Kommunikations- und Beziehungsprobleme zwischen Männern und Frauen, aber auch bei
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2 In der Zeitschrift TransAtlantik wurden folgende Essays veröffentlicht: "Skat in Addis Abeba. Eine gesamtdeutsche Auftragsarbeit" (8, 1981); "Im Reich der Ungeliebten. Deutsche Szenen aus Bangkok" (5, 1982); "Der Mantel des schönen Konsuls. Neue Flüchtlingsgespräche in Asunción" (10, 1982). Sie auch "Nach Abzug der Scham", Kursbuch 68 (1982) und "Zeichen und Wunder. Ein Reisebericht", Errungenschaften. Eine Kasuistik. Hrsg. v. Michael Rutschky. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1982. Der Aufsatz "Im Reich der Ungeliebten" wurde aufgenommen in den Sammelband Der postkoloniale Blick. Deutsche Schriftsteller berichten aus der Dritten Welt. Hrsg. von Paul Michael Lützeler. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1997.
3 Bodo Kirchhoff, Herrenmenschlichkeit. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1994, S. 8.
(In der Folge mit Seitenangaben in Klammern  direkt im Text zitiert).

 

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gleichgeschlechtlichen Begegnungen. Sexuelle Ausbeutung und die Unmöglichkeit einer tiefen emotionalen Verständigung zwischen den Menschen gehören zu den dominanten Themen seines Werkes. Die fast ausschließlich männlichen Helden, aus deren Perspektive auch überwiegend erzählt wird, sind zynische Narzißten (eine Ausnahme stellt hier der Roman Infanta, dar, in dem Kirchhoff zum ersten Mal einen allwissenden Erzähler anstelle einer singulären Perspektive verwendet). Mehr noch als Narziß, schreibt Benjamin Henrichs, ist jedoch "der mürrische Onan... die Symbolfigur" in Kirchhoffs Werk. Henrichs benennt damit treffend den Gestus der Selbstbespiegelung, der zentrales Motiv so vieler Kirchhoffscher Texte ist.4 Einsamkeit, die Obsession des eigenen Äußeren und Kommunikationsunfähigkeit sind Kirchhoffs Themen in Theaterstücken, Romanen und Erzählungen, wie beispielsweise Body-Building (1978, 1980), Die Einsamkeit der Haut (1981) und Dame und Schwein (1985).5 Die Helden erscheinen oft als gefühlskalte Individuen, denen die Fähigkeit zu menschlichem Kontakt und Erfüllung durch Andere und im Anderen abhanden gekommen ist. Sie sind klaglos, da sie nicht einmal wissen, daß sie etwas verloren haben. Die Inkarnation dieser Onan-Figuren bildet wohl der Ich-Erzähler der Erzählung "Mittelpunkt des Universums", der vor dem Spiegel sitzend masturbiert und schließlich seinen eigenen Samen aufleckt.6
Frauen und das kulturell Andere dienen Kirchhoff somit dazu, die Selbstbezogenheit der modernen Welt anzusprechen. Die Abwesenheit von Fragen nach Glück, Ethik und Dialog in den Texten bringt den Leser allerdings wieder dazu, diese Auslassung - und damit auch diese Fragen - zu bedenken. Hier liegt meiner Ansicht nach das kritische Potential der Texte: die onanierenden, beziehungslosen Helden sind das Schreckbild einer Ich-bezogenen, materialistischen Welt, in der menschliche Beziehungen zu geschäftlichen Transaktionen verkommen sind und der Warenfetischismus auch vor dem Körper nicht haltmacht.
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4 Benjamin Henrichs, "Die Reise von Frankfurt nach Sodom", DIE ZEIT (12.10.1979)

5 Ein vollständiges Werkverzeichnis bis 1993 und ein Verzeichnis zur Sekundärliteratur befinden sich im Anschluß an Siegfried Steinmanns biographischen Eintrag zu Kirchhoff in Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (KLG).
6 Bodo Kirchhoff, "Der Mittelpunkt des Universums", Body-Building. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1980, S. 27. Der Text erschien in leicht veränderter Form erneut in Die Einsamkeit der Haut. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1981.


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Kirchhoffs minutiöse Beschreibung dieses Denkens und Fühlens provoziert die Sehnsucht nach dem, was in den Texten nicht mehr enthalten ist. Hinzugefügt sei noch, daß Kirchhoff eine der Kriminalgeschichte ähnliche Spannung meisterhaft hervorzurufen weiß.
Diese Dimension des Kirchhoffschen literarischen Werkes ist bedeutsam für das Verständnis von Herrenmenschlichkeit. Was in den literarischen Texten funktioniert, nämlich Kritik durch Zynismus und Auslassung, wird bei des essayistischen Texten, und hier beim autobiographisch inspirierten Tagebuch, ein Wagnis. Während bei den literarischen Texten das provozierend Unmoralische die Frage nach Ethik impliziert und während die Darstellung der Beziehungslosigkeit letztlich die Sehnsucht nach Dialog erzeugt, kann der Augenzeugenbericht diese Vielschichtigkeit und Ambivalenz nicht hervorbringen. Im Gegenteil: wie im folgenden deutlich werden wird, reproduziert und verstärkt Kirchhoff durch Pauschalisierungen und mangelnde Selbstreflexivität kulturelle Vorurteile, hier insbesondere Klischees von afrikanischen Kulturen, und sein Text verhilft somit der deutschen Öffentlichkeit nicht zu einer differenzierteren Einschätzung der Lage in Somalia und der humanitären Intervention.
Das katastrophale Ausmaß der Krise in Somalia war der Weltöffentlichkeit im Laufe des Jahres 1991 bewußt geworden. Die Vereinten Nationen verabschiedeten seit Januar 1992 eine Reihe von Resolutionen, deren Ausrichtung zunächst die einer klassischen Friedenserhaltungsmaßnahme (peace-keeping) war: ein Embargo für Waffenlieferungen und humanitäre Hilfe sollten den Friedensprozeß in Somalia begünstigen. Aufgrund der anhaltenden Krise beschloß der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am 24. April 1992 die Operation UNOSOM. Eine Beobachtergruppe wurde ins Land gesandt, um den zuvor vermittelten Waffenstillstand unter den Bürgerkriegsparteien zu sichern. Dem Zusammenbruch des Waffenstillstandes - die Gründe dafür sind umstritten - folgte darauf im Dezember 1992 die UNO-Resolution 794, die weiter ging "als jede vergleichbare Resolution".7 UNOSOM entwickelte sich nun - unter der Führung der Vereinigten Staaten - zu einer Phase des peace-enforcement (UNITAF oder United Task Force, auch bekannt als Operation Restore Hope). Am 1. Mai 1993 ging die
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7 Christopher Greenwood, "Gibt es ein Recht auf humanitäre Intervention?", Europa-Archiv Folge 4 (1993), S. 101.



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Verantwortung von UNITAF auf UNOSOM II über. Nach dem Abzug der Amerikaner waren neue Truppen nötig, um die Ziele der Friedensherstellung zu verwirklichen. Kirchhoff reiste nach Somalia, nachdem das Bundesverfassungsgericht entschieden hatte, daß die Entsendung von Truppen nach Somalia legal sei. Deutsche Soldaten waren schon seit 1991 an verschiedenen UNO-Aktionen beteiligt: neben der Teilnahme an der Kontrollierung des Luftraums über Bosnien-Herzegowina hatten deutsche Soldaten in der Türkei, dem Iran, Kambodscha und dem ehemaligen Jugoslawien humanitäre Hilfe geleistet, waren Experten der Bundeswehr an einer Minenaufräumaktion im Arabischen Golf beteiligt gewesen und waren Flugzeuge und Hubschrauber der Luftwaffe und des Heeres für UN-Flüge über dem Irak bereitgestellt worden.8 Die Diskussion über den durch eine Beteiligung an UNOSOM anstehenden Schritt von humanitärer Hilfe zu humanitärer Intervention mit militärischen Mitteln wurde als Grundsatzdebatte geführt. Die Kontroverse drehte sich in erster Linie um die Frage, ob die Teilnahme der deutschen Armee an einer militärischen Operation der Vereinten Nationen mit der Verfassung vereinbar sei. Artikel 87a Absatz 1 und 2 des Grundgesetzes enthalten Richtlinien für die Aufstellung von Streitkräften, deren Aufgabe die Verteidigung sein soll. Hierdurch sollte - in Erinnerung an die zwei Weltkriege - einer aggressiven Außenpolitik konstitutionell vorgebeugt werden. Auch Artikel 24 Absatz 1 des Grundgesetzes, der die Übertragung von Hoheitsrechten auf zwischenstaatliche Einrichtungen regelt, ist von Bedeutung. Zentrale Fragen in der Debatte waren (und sind) hierbei die Definition von "Verteidigung" und "Verteidigungsfall"9; die Definition des Begriffes "Einsatz"; ob die Verfassung geographische oder politische Operationsgebiete definiert10; ob die Mitgliedschaft in Bündnissystemen Deutschland dazu verpflichtet, bei Manövern mitzuwirken, die die unmittelbaren nationalen Interessen überschreiten; und, insbesondere, ob die Mitglied-
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8 Michael Stürmer, "Wohin die Bundeswehr? Über Diplomatie, Strategie und Bündnistreue", Internationale Politik 4 (1995), S. 33.

9 Interessanterweise spielt die Notstandsverfassungsreform von 1968 eine wichtige Rolle bei der Neuinterpretation des Gesetzes. Siehe Wolfgang März, Bundeswehr in Somalia. Verfassungsrechtliche und verfassungspolitische Überlegungen zur Verwendung deutscher Streitkräfte in VN-Operationen. Berlin: Duncker & Humblot, 1993, S. 22ff.
10 Wolfgang März (Anm. 9): "Verteidigung ist mehr als nur staatsgebietsbegrenzte Angriffsabwehr." (S. 30).


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schaft in den Vereinten Nationen (aber auch in NATO, KSZE u.a.) eine Neudefinition der existierenden staatlichen Ordnung in bezug auf internationale Szenarien impliziert, d.h. ob es eine  "bündnisintegrierende Verteidigungsagende" gibt.11 Wie März herausstellt, und er scheint hier den Konsensus der Mehrheit der wortführenden Parteien auszudrücken, hat "Artikel 87a GG... eine 'wirklichkeitsbezogene' Auslegung, d.h. letztlich einen Bedeutungswandel erfahren".12 Dieser Bedeutungswandel - der an dieser Stelle nicht näher besprochen werden kann - erlaubte schließlich die Teilnahme der Bundeswehr an UNOSOM II. 13

Trotz ausstehender verfassungsrechtlicher Klärung beschloß die Bundesregierung am 20. April 1993, "die Operationen der Vereinten Nationen in Somalia (UNOSOM II) durch Entsendung eines verstärkten Nachschub- und Transportbataillons der Bundeswehr zu unterstützen."14 Das Kontingent sollte ca. 1700 Soldaten umfassen, als Einsatzort war zunächst Bosao an der Küste im Nordosten des Landes vorgesehen. Am 11. Mai jedoch wurde umentschieden (US-Generalmajor Thomas Montgomery, Vizekommandeur von UNOSOM, scheint diesen Beschluß vorangetrieben zu haben), Belet Huen, ca. 300 Kilometer nördlich von Mogadishu gelegen, war der neue Bestimmungsort.15 Aufgabe des Nachschub- und Transportbataillons der Bundeswehr sollte es sein, humanitäre Hilfe zu leisten und logistische Probleme zu lösen, in erster Linie allerdings ein Kontingent von 4500 indischen Soldaten zu unterstützen. Daß diese indischen Soldaten ironischerweise nie eintrafen, sei hier vorab bemerkt.16 Die entsandten Einheiten waren - zur "Selbstverteidigung" - mit gepanzerten Transportfahrzeugen und Luftladepanzern ausgerüstet.
Am 12. Mai wurde ein Vorauskommando entsandt. Mitte Juni 1993, zu einem Zeitpunkt, an dem erst 240 der deutschen Soldaten in
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11 Ibid., S. 33.
12 Ibid., S. 44.
13 Zur Haltung des Bundesregierung siehe auch Volker Rühe, "Deutsche Sicherheitspolitik. Die Rolle der Bundeswehr", Internationale Politik 4 (April 1995), S. 26-29.
14 Bulletin/Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (1993), S. 280. Zitiert nach Wolfgang März, S. 13.
15 Montgomery wird immer wieder als verantwortlich genannt und erscheint dann im Licht der zunehmenden Probleme als Sündenbock für die ungünstige Lage der Deutschen. Siehe Der Spiegel 20 (1993), S. 36-37; Der Spiegel 32 (1993), S. 16; Kirchhoff, Herrenmenschlichkeit, S. 24-25.
16 Siehe auch Der Spiegel 47 (1993), S. 37-38.


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Somalia eingetroffen waren, beantragte die SPD-Fraktion den Erlaß einer einstweiligen Anordnung, um die weitere Entsendung von Truppen zu unterbinden, bis das Bundesverfassungsgericht über die Rechtmäßigkeit entschieden habe. Am 23. Juni gab dieses Gericht dem Antrag insofern statt, als es die Beschlußfähigkeit über die Entsendung von Truppen dem Parlament übergab. Am 2. Juli bestätigte das Parlament den Entschluß der Regierung. Einen - wenn auch nicht repräsentativen - Eindruck von der Debatte im Bundestag gibt der folgende Austausch. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Joachim Graf von Schönburg-Glauchau meinte den Einsatz damit begründen zu können, daß "zum Beispiel ein Dorf von einer Affenherde terrorisiert werden und keine Frau Wasser holen und Felder bestellen kann, wenn nicht jemand da ist, der die Affenherde in Schach" hält. Der - gegen den Einsatz in Somalia sich aussprechende - Bündnis-90 Abgeordnete Konrad Weiß, an den diese Zwischenfrage gestellt war, erwiderte ohne Reflexion auf den fragwürdigen Vergleich, es sei nicht die Aufgabe "von Soldaten aus Pirna oder Pirmasens die Affenherden in Afrika in Schach zu halten." 17
In der Spiegel-Ausgabe vom 28. Juni 1993, also fünf Tage nach dem Beschluß des Bundesverfassungsgerichtes und nur wenige Tage vor dem Parlamentsbeschluß, der die Entsendung von Truppen nach Somalia genehmigt, wird Bodo Kirchhoffs bevorstehender Besuch bei den deutschen Soldaten in Somalia zum ersten Mal erwähnt: "Das militärische Treiben im deutschen Camp, in dem am 19. Juli die nächsten 400 von insgesamt 1700 Soldaten erwartet werden, setzt nicht nur neue Maßstäbe in der Außenpolitik; es geht auch in die Literatur ein. Der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff (Infanta) ist nach Somalia gereist, um die Bundeswehr bei der Out-of-area Arbeit zu beobachten. Kirchhoff, 44, hält den Einsatz für einen 'friedfertigen Kreuzzug, auf dessen Fahne der Humanismus steht', und will einen Roman schreiben. Arbeitstitel 'Belet Huen'." 18
Vier Wochen später erscheinen dann im Spiegel Auszüge aus dem Tagebuch Kirchhoffs, das er während seines Aufenthaltes geführt hat. Er verbringt insgesamt 14 Tage in Somalia, vom 19. Juni bis zum 2. Juli. Die in Buchform publizierten erweiterten Reisenotizen stehen im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen.
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17 Der Spiegel 26 (1993), S. 230.
18 Der Spiegel 26 (1993), S. 27.

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Dieses Tagebuch, auf dessen Schutzumschlag die Fotografie eines hüpfenden und lächelnden afrikanischen Kindes zu sehen ist, das - gekleidet in blaue Adidas-Trainingshosen, ein T-Shirt der deutschen Fußballnationalmannschaft und Gummisandalen - anscheinend versucht, über seinen Schatten zu springen, ist in einigen Buchhandlungen nicht in den literarischen Abteilungen, sondern im politisch-soziologischen Bereich zu finden. Das realistische Motiv des Umschlages, aber mehr noch der Inhalt und die Bedeutung des Textes im Zusammenhang mit aktuellen Diskussionen mögen dazu beigetragen haben. Das Tagebuch unterteilt sich in Abschnitte, die Kirchhoffs Somaliaaufenthalt dokumentieren und andere, die seine Zeit im Krankenhaus in Frankfurt-Sachsenhausen und den darauffolgenden Urlaub in Italien beschreiben. Der Text über Somalia ist daher auch die Geschichte einer Krankheit und Genesung: schon am 19. Juni, am ersten Tag in Somalia, notiert Kirchhoff "Schmerzen in der Leiste beim Tragen" (10). Immer wieder werden die anwachsenden Schmerzen erwähnt (13, 15, 18, 20, 50), und zunehmend macht die Behinderung den Autor unruhig: "[I]ch dagegen nervös, in dem Bewußtsein, nicht rennen zu können" (31; vg. auch 38). Zusätzlich zu den Schmerzen muß der Autor sich mit den Folgen einer Magen-Darmverstimmung abplagen (50), Resochin-Tabletten zur Malariaprophylaxe nehmen, ebenso wie Paludrin, welches den Soldaten der Bundeswehr verabreicht wird und das - wie sich erst später herausstellt - der Dämpfung des Sexualtriebs dient. Weiterhin zählen Wüstensand und der Kampf gegen den Biß der gefürchteten Kamelspinnen zu den Unannehmlichkeiten, mit denen Kirchhoff zu kämpfen hat. Der Autor präsentiert sich als verletzlich, schwach, er ist ein romantischer Anti-Held im klassischen Sinn, der sich trotz großen Schmerzen unbewaffnet nach Somalia wagt. Der Leser begegnet Kirchhoff somit von Anfang an als einer verletzten Person, der Schriftsteller erscheint als kranker Zivilist zwischen Soldaten, Journalisten und Somalis. Durch die Krankheit ist er, der als eine Art "Feldgeistlicher" bei der Truppe lebt, deutlich als Außenseiterfigur markiert. 19
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19 Siehe dazu folgenden Zeitungs-Kommentar: "Dem Vernehmen nach sitzen aber gerade auch wieder 250 deutsche Männer unter und neben vielen anderen Soldaten im fernen Wüstensande und führten als Feldgeistlichen lediglich den Schriftsteller Bodo Kirchhoff mit sich, der allerdings als Fachmann für exotische Erotik sich prompt die Leiste brach und wieder ausgeflogen werden mußte." Tageszeitung 30 (1993). Zitiert nach Der Spiegel 31 (1993), S. 182.



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Trotz es Authentizitätsanspruches handelt es sich daher bei dem Erzähler von Herrenmenschlichkeit um eine wohlüberlegte, konstruierte Figur, die gleich zu Beginn des Textes ihre Position in diesem Unternehmen vorsichtig zu definieren sucht. Mit der Bemerkung "[d]ie Somalis, soweit ich sie beobachten konnte" (7), relativiert der Erzähler seine folgenden Aussagen: Was hier über die Somalis gesagt werden wird, ist keine allgemeingültige Wahrheit, sondern die subjektive Einschätzung eines Individuums. Diese Art von Einschränkungen finden sich des öfteren im Text ("wie man mir sagte" 7; "für mich" 39) und tragen dazu bei, den Erzählvorgang zu reflektieren. Auch die später eingefügten Abschnitte über die Zeit im Krankenhaus und in Italien signalisieren Versuche des Erzählers, dem Erlebnis gegenüber an Distanz zu gewinnen. Die Begrenztheit der subjektiven Wahrnehmung scheint allerdings gerade dadurch aufgewogen zu werden, daß Kirchhoffs Erzähler außerhalb der eigentlichen Ereignisse steht. Wiederholt identifiziert sich der Erzähler als "Außenseiter" (9), "Ausländer" (48, 50) und "einziger Zivilist" (48). Er steht außen, und er erlebt die Vorgänge anders. In seiner Rolle als Außenstehender wird er gerade von den deutschen Soldaten akzeptiert, er wird von den "drei höchsten Offizieren... respektiert" (50). Sein Angebot einer Lesung "wird dankend angenommen" (50), die Lesung dann mit "große[r] Aufmerksamkeit" verfolgt: "[A]m Ende berührender Applaus, wie es bei Thomas Mann geheißen hätte." (56)
Der Erzähler verspricht ein großes Maß an Differenziertheit: "Ich denke, ich schreibe nicht, um meinen Freundeskreis zu erweitern; wenn es mir geboten scheint, gebe ich mir, als Methode, jede Blöße. Ein Uneinssein mit mir selbst, das zu verbergen mir schändlich vorkäme - bewußte Differenz zu Heroen der Moderne... die so zu leben schienen, wie sie schrieben" (27). Dies impliziert Ehrlichkeit, was hier gesagt wird, ist Wahrheit, wenn auch subjektive. Der Erzähler will auf Widersprüche hinweisen, das "Uneinssein" mit sich selbst findet sich auch in der Umwelt, die voller Paradoxa ist und auf deren Vielschichtigkeit nur "ratlos" (63) geantwortet werden kann. Der Erzähler will die Wirklichkeit nicht auf Eindeutigkeiten reduzieren, weder in der Analyse noch durch Lösungsvorschläge. Er wäre "lieber ein Gradliniger", doch das ist ihm, "wohl unterrichtet über die Greuel sämtlicher Seiten", verwehrt, ihm "bleibt nur ein Nomadendasein zwischen Gut und Böse" (36).
Doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich, daß diese Form der Selbstreflexivität eher dem Narzißmus der Kirchhoffschen literarischen


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Helden verwandt ist. Die Obsession der eigenen Position verwehrt den Blick auf den Anderen. Das Vorhaben des Erzählers, "das Deutsche in der Fremde" zu beschreiben, nimmt dadurch eine neue Dimension an: nicht nur, was der Erzähler über die Deutschen, über andere Soldaten der UNO, Journalisten und über die Somalis berichtet, sondern gerade der Erzählvorgang und die Aussagen des Erzählers selbst lassen den Leser miterleben, wie es mit dem Deutschen in der Fremde steht. Der Text vermittelt mehr über diesen deutschen Erzähler als über die somalische Situation. Gerade die nähere Betrachtung der Darstellung von Soldaten verschiedener Nationen und der Schilderung der Somalis läßt klischeehafte, mit Vorurteilen behaftete Denkmuster des Kirchhoffschen Erzählers erkennen.
Der Erzähler fühlt sich in der Gemeinschaft der deutschen Soldaten "weniger unwohl, als [er] erwartet hatte" und überlegt, ob der Grund vielleicht darin liegt, daß er "selbst mal Soldat war?" (17) Dem Militär war er freiwillig beigetreten; im Gegensatz zu "den Freunden, die sich's in West-Berlin und Frankfurt gutgehen ließen" und die ihn "praktisch vergessen" hatten, wollte er in den Jahren 1968/69 "den Feind, das Militär, als Rekrutenausbilder von innen her" kennenlernen (17). Von der Militärzeit blieb das Wissen um "die Umgangsformen von Soldaten... und die Begleiterscheinungen der Banalitäten in einem Männerverband, für die ich mir einen Blick bewahrt habe" (18). Fast zärtlich, liebevoll beschreibt der Erzähler das Lagerleben der deutschen Soldaten. Es gelingt ihm, die Unvorbereitetheit der Soldaten auf diesen Somaliaaufenthalt eindringlich zu erfassen: "Ihre erste größere Reise, erzählen sie; bisherige Welt: Saarbrücken, Schalke, Mallorca, Gottschalk; einer war mal in Paris. Und nun sowas! Sie winken wie Faschingsprinzen und bringen den Kindern, als die Besichtigung sich hinzieht, Alle meine Entchen bei." (11) Die Beschreibungen des Bundeswehrpersonals bringen dem Leser eine Reihe überaus sympathischer positiver Identifikationsfiguren nahe. Der Stellvertreter des Kommandoführers wird als intelligenter, verständnisvoller Mann dargestellt (12, 16), den Kommandanten bezeichnet der Erzähler als "rare[n] Fall eines Mannsbildes mit Selbstironie" (10). Immer wieder werden die Bleistifte (11) und Gummibärchen (54) verteilenden Soldaten in einem äußerst ansprechenden Licht gezeigt: "[A]uf dem Weg zum Zelt ein Soldat, offenbar gedankenverloren: die Erkennungsmelodie vom Sandmännchen summend" (59). Die deutsche Bundeswehr zeichnet sich durch menschliches Verhalten aus: beim Appell wird mal "ein Geburtstagskind" ge-


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feiert (18), "Mutti umarmt ihren Patrick in Somalia" läßt die Grußsendung im Radio verlauten (13), von Heimweh und dem Telefonieren nach Hause ist die Rede (21), an den Baracken der Deutschen hängt ein Poster von Neuschwanstein (41), auch eine Marketenderin namens Gertrud ist vertreten (12, 50, 56, 59), und der Erzähler genießt den "friedliche[n] Tumult des Feierabends" (15). Selbst "die ersten deutschen Offiziere, die in einem UNO-Stab vertreten sein werden", sind "aufgeregt wie Kinder, die in Ferienlager fahren" (30-31).
Die Menschlichkeit der deutschen Soldaten soll hier nicht angezweifelt werden; doch die Schilderungen bleiben an der Oberfläche, sie bleiben undifferenziert, unvollständig. Der Leser erfährt wenig darüber, was die einfachen Soldaten (im Gegensatz zum differenzierten und verantwortungsbewußten Oberst, beispielsweise) von ihrer Mission in Somalia und von den Somalis halten. Daß es keine Variationen unter den deutschen Soldaten gibt, keine Widersprüche, nicht einen unsympathischen Charakter, erscheint nicht glaubwürdig. Die Kirchhoffsche Bundeswehr ist gebildet, bescheiden, gutwillig, die Soldaten schlucken freiwillig ihr Paludrin, sind einfach nette Jungs.
Die Fragwürdigkeit und die Konsequenzen dieser Darstellung werden deutlich im Kontrast zu den Schilderungen der anderen Soldaten, der Italiener und Nigerianer, deren Camps (zum Schutz der Deutschen und der Gegend) das Lager der Deutschen flankieren (11), und der Amerikaner. Im Gegensatz zur menschlichen und disziplinierten deutschen Armee sehen wir die Italiener mit "kahlrasierten Schädeln und Handgranaten an der Bluse" (24), sie sind "in jeder Hinsicht anders als die deutschen Soldaten, in jeder Hinsicht malerisch... schimpfend, flirtend, fotografierend, Waffe im Anschlag, Kind an der Hand -, im gefleckten Kampfanzug, mit einer Splitterweste wie von Armani" (37) sind sie sich "ihrer Männlichkeit" sicher (47). Die Nigerianer werden ausschließlich dadurch charakterisiert, daß sie - wie von "Wachturm 2" nachts beobachtet wird - in einer Hütte "im Schutze der Dunkelheit ein und aus" gehten (20, 55). Der Text reduziert die betreffenden Soldaten auf Klischees, nämlich das vom Gigolo mit faschistischen Zügen und jenes des sexualisierten Afrikaners, und reproduziert damit unreflektiert gängige Stereotypen.
Für die Amerikaner stehen Personen wie General Montgomery, "ein Mann mit hartem Bubengesicht, der die Deutschen ... nach Belet Huen zwang" (24-25) und die Marines: "Auf dem Weg zu den Deutschen immer wieder Menschen wie aus einer Züchtung, ausladend, kahl, un-


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ansprechbar, und selbst in Turnhosen noch, als stünden sie unter Waffen, die Marines" (41). Die Amerikaner werden für ihre Politik gegenüber Aidid (40) oder den fatalen Hubschrauber-Angriff auf Aidid-Verbündete am 12.7. (41-42) kritisiert. Der Erzähler schreibt den amerikanischen Soldaten hierbei eine besonders leichtsinnige, kaltherzige Art des Tötens zu (42). Sie erscheinen als gedankenlose Kämpfer, die in starkem Kontrast zur deutschen Armee stehen (Kirchhoffs Darstellung ähnelt hier dem oberflächlichen Amerika-Bild Buchs, das Susanne Zantop in diesem Band beschrieben hat). Nach der Bekanntgabe der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes am 23. Juni, die bedeutete, daß die Soldaten bleiben durften, ergibt sich folgende Szene: "Fast gespenstische Vernünftigkeit, auch danach bei Gertrud: kein Freibier, kein Gesang - nur in der Berichterstattung über diese Stunden; Amerikaner und Italiener, Gratulanten wundern sich: Eine so nüchterne, eine so uneitle Armee, gibt es das überhaupt?" (29) Insgesamt sind die einzelnen nationalen Armeen aufs Typenhafte reduziert, den positiven Schilderungen der deutschen Soldaten stehen überwiegend abschätzige Beurteilungen der nicht-deutschen Soldaten gegenüber.
Doch nicht nur die Charakterisierung der UNO-Truppen, sondern auch die der einheimischen Bevölkerung geht selten über eine Aneinanderreihung stereotyper Bilder hinaus. Zunächst beschreibt der Erzähler die Somalis als Nomaden, ihr "Zickzack", in dem sie sich durch Landschaft und Stadt bewegen, wird als "sinnvoll" (7) anerkannt. Das Nomadentum steht in eindeutigem Kontrast zur Seßhaftigkeit, "wir", d.h. die Deutschen, stehen somit als "Andere" den Somalis direkt gegenüber. Gleichzeitig jedoch identifiziert sich der Erzähler mit den Somalis; zumindest benutzt er das Nomadensein, um eine Parallele zum Dasein des Schriftsteller herzustellen: Das "sinnvoll[] Zickzack" der Somalis erinnert an "das des Schreibenden" (7). Der Erzähler vergleicht den Schreibprozeß auf dem Computer mit der Lebensweise der Somalis: "Mit Hilfe der Verschiebefunktion, Crt F4, bin ich so frei, die Eintragungen umzustellen, durch die Seiten zu nomadisieren" (7-8).
Trotz dieses Versuchs zu Beginn des Textes, Brücken zwischen dem deutschen Schriftsteller oder der deutschen Lebensweise und jener der Somalis zu schlagen (obwohl der Erzähler hier eine soziale Lebensform mit einer ontologischen Perspektive verwechselt, traditionelles Nomadentum heideggerscher Heimatlosigkeit gleichsetzt), zeichnet der Erzähler die Somalis und ihre Kultur im weiteren als radikal anders, als grundsätzlich verschieden im Vergleich zum deutschen Lebensverständ-


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nis. Das Empfinden von "zu viel Fremdheit" (10, siehe auch 31) drückt sich besonders im Hinblick auf die Beziehung der Somalis zu Leiden, Schmerz und Tod aus. Hier meint der Erzähler fundamentale Unterschiede zwischen Deutschen und Somalis zu erkennen, er sieht im Leben der Somalis "Leiden als Seinsform, wie bei uns Zufriedenheit" (19). In einem Krankenhaus beobachtet er, daß "[n]iemand klagt, niemand weint, als sei der Tod so gewöhnlich wie die Sonne" (20). Eine somalische Frau namens Dawarkir, die vier ihrer elf Kinder verloren hat, redet über diese Tragödie, "als seien gar nicht ihre Kinder gestorben" (26). Dies versteht der Erzähler jedoch nicht als Defensivstrategie (wie dies etwa Nancy Scheper-Hughes in ihrem Bericht über das Verhalten von verarmten Müttern in Brasilien, die in vergleichbaren Situationen leben, getan hat 20); im Gegenteil, er nimmt dies als weiteren Anhaltspunkt dafür, daß die Somalis eine andere Beziehung zum Tod haben.
Der Erzähler, der dafür ist, "herauszufinden, ob dieser Einsatz sinnvoll sein kann oder nicht" (28), ist angewidert von der Sisyphus-Arbeit der Ambulanz, die er beobachtet. Die unzureichenden Hilfsmittel zwingen zur Auswahl von Kranken: "Humanität und Selektion... vielleicht der Anfang einer weiteren, mit den Deutschen verknüpften Tragödie: Herrenmenschlichkeit" (53, siehe auch 62). Nicht die Hilfe, die geleistet wird, wird hier ins Blickfeld gerückt oder die beklagenswerte Tatsache, daß nicht genügend Hilfsmittel zur Verfügung stehen.21 In einem Gespräch mit einer Reporterin (die allerdings nicht antwortet) behauptet der Erzähler, daß in Somalia "ein uralter afrikanischer Krieg statt[findet], zerstören und zerstückeln, bis nichts mehr da ist, das nicht einmal auferstehen könnte, ein ganz und gar unchristlicher Krieg" (45). Der Erzähler wird immer deutlicher mit seiner Botschaft, daß, aufgrund der grundsätzlichen Alterität der Somalis, es absurd ist, "unsere Auffassung von Leben und Tod" in dieses Land zu bringen (48). "[L]eben, leben, leben" (46) ist dem Erzähler eine westliche Besessen-
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20 Nancy Scheper-Hughes, Death Without Weeping: The Violence of Everyday Life in Brazil. Berkeley: University of California Press, 1992.

21 An dieser Stelle sei auf Kirchhoffs Frankfurter Vorlesung "Dem Schmerz eine Welt geben" verwiesen, in der er das Somalia-Erlebnis erneut anspricht. Kichhoff deutet an, daß es ihm verwehrt war, über bestimmte schockierende Situationen in den Reisenotizen zu schreiben, da über dem Erlebten "noch eine Art Bann" gelegben habe. (Bodo Kirchhoff, Legenden um den eigenen Körper. Frankfurter Vorlesungen. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1995, S. 141.)


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heit, welche die Somalis eigentlich gar nicht nachempfinden können; denn zu deren Grundausstattung als Nomaden gehöre "natürlich die Flinte" (7), also eine gleichsam natürliche Todesnähe.
Apathie und Undurchschaubarkeit erscheinen als die Charakteristika der Somalis in Schilderungen der Leibwächter des Fotografen Hansi (40, 43, 64), der namenlosen Plünderer und Hilfspolizisten von Mogadishu mit ihren Plastikbrillen (31, 44, 67), der Kat kauenden Männer und schwer arbeitenden Frauen. Diese empfundene Fremdheit und Absurdität (10) bringen den Erzähler dazu, die humanitäre Rettungsaktion als müßiges Unternehmen darzustellen. Er hält es für absurd, daß "wir, die wir aus einer Überlebenskultur kommen... unsere Lebensbesessenheit in ein Land [tragen], in dem der Tod ein Vertrauter, ja ein Verbündeter ist" (28). Er bezeichnet die Hilfsaktion als "[e]inen Kreuzzug, auf dessen Fahne nicht Humanität steht, sondern Humanitismus" (28). Der Westen oktroyiert den Somalis auf, was sie eigentlich gar nicht wollen; die Todeskultur der Somalis bedarf dieser Hilfe jedoch eigentlich nicht. "Humanitismus bedeutet die Idee vom Leben um jeden Preis" (28); doch die Somalis, so impliziert der Erzähler, wollen gar nicht leben. Dabei wird außer acht gelassen, daß verschiedene somalische Gruppen um diese Hilfe gebeten haben22 und daß nicht alle an UNOSOM Beteiligten aus westlichen "Überlebenskulturen" kamen.
Wie aber kommt der Erzähler zu seiner Behauptung, die Somalis hätten eine radikal andere Haltung gegenüber Schmerz, Tod, Leben und Leid, die somalische Situation sei als "uralte[r], afrikanische[r], unchristliche[r]" Krieg zu verstehen? Der Erzähler reproduziert hier (unwissentlich?) Ansichten, die aus der Literatur über Afrika seit Jahrhunderten bekannt sind. Gerade die angebliche Schmerzunempfindlichkeit der Afrikaner ist ein zentraler Topos in biologischen und kulturphilosophischen Schriften des 19. und 20. Jahrhunderts, von Herder, Christioph Meiners, Hegel und Nietzsche bis zu Kirchhoff.23 Dabei
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22 Mohamed Sahnoun, Somalia - the Missed Opportunities. Washington: United States Institute of Peace Press, 1994, S. 10, 16-17. Siehe auch John L. Hirsch und Robert B. Oakley, Somalia and Operation Restore Hope. Reflections on Peacemaking and Peacekeeping. Washington: United States Institute of Peace Press, 1995.

23 Nietzsche beispielsweise schreibt: "Vielleicht that damals - den Zärtlingen zum Trost gesagt - der Schmerz noch nicht so weh wie heute; wenigstens wird ein Arzt so schliessen dürfen, der Neger (diese als Repräsentanten des vorgeschichtlichen Menschen genommen -) bei schweren inneren Entzündungsfällen behandelt hat; welche auch den bestorganisierten Europäer fast zur Verzweiflung bringen; - bei Negern thun sie dies nicht." Zur Genealogie der Moral. Berlin: de Gruyter, 1988, S. 303. Einen Überblick über gängige Auffassungen von der Schmerzunempfindlichkeit der Afrikaner und Afro-Amerikaner gibt John Hoberman, "Black 'Hardiness' and the Origins of Medical Racism" und "Theories auf Racial Athletic Aptitude", Darwin's Athletes: How Sport has Damaged Black America and Preserved the Myth of Race. Boston: Houghton Mifflin, 1997, S. 169-86; 187-207. Siehe auch Susanne Zantop, Colonial Fantasies: Conquest, Family and Nation in Precolonial Germany, 1770-1870. Durham: Duke University Press, 1997, besonders Kapitel 4 und 5.


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muß, wie John Hoberman zeigt, unterschieden werden zwischen kulturell anders kodiertem Verhalten gegenüber Schmerz und dem Empfinden von Schmerz; zweifellos definieren einzelne Kulturen ihre Verhältnis zu Schmerz, Tod und Leid auf jeweils unterschiedliche Weise.24 Doch zu dieser Differenzierung kommt es bei Kirchhoff nicht.
Die Weigerung des Erzählers, die somalische Situation eingehender kennenzulernen, scheint maßgeblich dafür verantwortlich zu sein, daß sein Augenzeugenbericht die Situation in Somalia so wenig erfaßt. "Bin entschlossen, keine Abkürzungen und keine Clan-Namen mehr zu notieren", läßt der Erzähler verlauten (16). An anderer Stelle begründet er diese Entscheidung: "Beim Lesen deutlich das Gefühl, wie besserwisserisch, wie sinnlos es wäre, die Geheimsprache aus Clan-Namen und Abkürzungen, aus politischen Daten und Bezeichnungen von Waffensystemen nachzuäffen, sich firm zu geben" (43). Der Erzähler lehnt es somit bewußt ab, sich über Somalia durch Sekundärliteratur zu informieren, er will nur subjektive Eindrücke zur Grundlage seiner Urteile machen. Welches Bild hätte jedoch entstehen können, wenn Kirchhoff sich eingehender mit der somalischen Situation vertraut gemacht hätte? Die Lage in Somalia - den im folgenden zitierten Einschätzungen von Historikern und Politikwissenschaftlern zufolge - ist zum einen komplexer, zum anderen jedoch auch nicht so unzugänglich und unverständlich, wie sie in Herrenmenschlichkeit erscheint.
Die Geschichte der Somalias läßt sich bis in biblische Zeiten zurückverfolgen. So unterhielten beispielsweise die Ägypter seit dem 3. Jahrtau-
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24 "It is now understood that the sensation of pain is a highly subjective experience that varies by culture as well as by individual temperament and situation, since different cultural communities create differing expectations about what constiutes pain annd how it is to be resisted or endured." Darwin's Athletes, S. 176. Siehe auch David B. Morris, The Culture of Pain. Berkeley: The University of California Press, 1991.



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send v. Chr. Handelsbeziehungen mit Punt, dem Norden Somalias, um Weihrauch, Harze und Edelhölzer einzuführen. Heute bewohnen die ungefähr siebeneinhalb Millionen Somali sprechenden Menschen ein Gebiet, welches "das größte zusammenhängende Siedlungsgebiet einer homogenen ethnischen Gruppe in Afrika" darstellt.25 Dieses in bezug auf Sprache und soziale Identität einheitliche Gebiet, in dem Minderheiten wie Bantus und Araber leben, erstreckt sich von der Peripherie des äthiopischen Hochlands, am Gold von Aden und dem Indischen Ozean entlang bis hin zum Tana Fluß im Norden Kenias. Der Kulturbereich zeichnet sich dadurch aus, daß - von dialektalen Unterschieden abgesehen - Somali das bedeutendste Kommunikatinsmittel ist, in dem eine besonders reiche und kulturell diverse Tradition mündlicher Überlieferung sich hat entwickeln können.26 Nur ungefähr die Hälfte dieses Gebietes befindet sich innerhalb der Grenzen der heutigen Republik Somalia; der Rest des Gebietes ist Teil der Nachbarstaaten Kenia, Äthiopien und Djibouti.
Die Somalis, die in Samale und Sab unterteilt sind27, organisieren ihre sozialen Beziehungen mit einem System aus Clans oder Clanfamilien, wobei die gegenwärtigen Erscheinungsformen des Clansystems nicht mit dem der traditonellen Gesellschaft identisch ist. Es stellt eine Variation desselben dar, die als Resultat der Auseinandersetzung mit Kolonialstaat, Nationalstaat und kapitalistischer, patriarchalischer Gesellschaftsordnung entstand.28 Auch die drakonischen Maßnahmen von Präsident Siad Barre, die seit den 70er Jahren darauf abzielten, das Clansystem zu unterminieren und die nationale und sozialistische Identität in den Vordergrund zu rücken, führten eher zu einer Aufwertung der Clanidentität.29 Die Mehrheit der Somalis lebt als Nomanden, wäh-
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25 Reinold E. Thiel, Zum Einsatz von Entwicklungshelfern in der Demokratischen Republik Somalia, Prüfungsbericht im Auftrag des Deutschen Entwicklungsdienstes, Bd. 1. Berlin, Februar 1979, S. 20.
26 I. M. Lewis, A Modern History of Somalia: Nation and State in the Horn of Africa. London: Longman, 1980, S. 5. Siehe auch: Somalia in Word and Image. Hrsg. v. Katheryne S. Loughran et al. Washington, D.C.: Foundation for Cross Cultural Understanding, 1986.
27 Lewis (wie Anm. 26), S. 6.
28 Lidwien Kapteijns, "Women and the Crisis of Communal Identity: The Cultural Construction of Gender in Somali History", The Somali Challenge. From Catastrophe to Renewal? Hrsg. v. Ahmed I. Samatar. Boulder: Lynne Rienner, 1994, S. 21.
29 Samuel M. Makinda, Seeking Peace from Chaos. Humanitarian Intervention in Somalia. Boulder: Lynne Rienner, 1993, S. 19.


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rend andere bedeutende Teile der Bevölkerung seßhaft sind und die Küstenregionen oder die fruchtbareren Landstriche im Süden bewohnen.
Die Kolonialzeit Somalias begann im 19. Jahrhundert; Frankreich, England und Italien waren die verschiedene Teile Somalias besetzenden Mächte.30 1960 erlangte das Land die Unabhängigkeit. Die ursprünglich demokratische Regierung kam 1969 zu einem Ende, als das Militär unter Siad Barre die Macht übernahm. Krieg gegen Äthiopien, Dürrekatastrophen, fehlgeschlagene ökonomische Reformen und Konflikte zwischen den einzelnen Clans führten zu einem Bürgerkrieg, der 1988 mit voller Kraft ausbrach, 1990 die Hauptstad Mogadishu erreichte und zur Flucht Barres und seiner Regierung führte. Die verschiedenen Bürgerkriegsparteien, bis zu diesem Moment vereint im Kampf gegen Barre, begannen nun, gegeneinander zu kämpfen. Politische Anarchie im Zusammenhang mit einer katastrophalen ökologischen Krise bedrohten die Leben von Millionen Somalis. 1992 erreichte der Notstand ein neues Ausmaß, und die Vereinten Nationen beschlossen einzugreifen.
Die derzeitige Krise in Somalia kann als Resultat von drei Entwicklungen betrachtet werden: erstens den Folgeerscheinungen der Kolonialzeit; zweitens der Politik des Kalten Krieges und drittens gescheiterter Modernisierungsversuche. Aufgrund der europäischen Aufteilung Afrikas leben die Somalis in verschiedenen Staaten. Dies verursachte unter anderem den Krieg mit Äthiopien um das Ogaden-Gebiet (1977-78), der als somalischer Versuch angesehen werden kann, ein Gebiet zu annektieren, welches von Somalis bewohnt wird. Frieden zwischen den beiden Staaten wurde 1988 geschlossen; doch waren bis zu diesem Zeitpunkt 800 000 Menschen nach Somalia geflohen. Die Aufoktroyierung eines Nationalstaates nach europäischem Vorbild bedingte weiterhin die Animositäten zwischen den einzelnen Clanfamilien, da hier ein politsches System entworfen wurde, welches den Mechanismen der existierenden Machtverhältnisse nicht entsprach.
Die Politik des Kalten Krieges hatte dazu geführt, daß sowohl Somalia als auch Äthiopien mit Waffen aus der Sowjetunion ausgerüstet waren. Seit 1977 erscheinen die Vereinigten Staaten als der wirtschaftlilche und ökonomische Verbündete Somalias. Somalias Kooperation bei dem deutschen Versuch, auf dem Flugplatz von Mogadishu eine
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30 Zur Kolonialgeschichte Somalias siehe Thiel, S. 20ff.; Lewis, S. 40ff.



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gekaperte Lufthansamaschine aus den Händen der Entführer zu befreien, wird gemeinhin als der Beginn der pro-westlichen Phase somalischer Politik gesehen.31
Während der letzten Jahrzehnte wurde es zunehmend schwerer für die nomadische Bevölkerung, den Auswirkungen der extensiven Dürreperioden zu entkommen. Politische Uneinigkeit, aber auch die Folgeerscheinungen nationaler Grenzen sind die Haupthindernisse. Während Nomaden traditionell ökologischen Schwierigkeiten dadurch begegnen, daß sie in günstigere Gebiete abwandern, finden sich die Nomaden eines Nationalstaates durch die festen Grenzen als Gefangene eienr politischen Struktur. Nomadismus wurde auch zusätzlich durch die Kommerzialisierung der somalischen Wirtschaft geschwächt. Fehlgeschlagene Sedentarisierungs- und Modernisierungsprogramme haben weiterhin zu einer Verschlechterung der Bedingungen für die nomadische Lebensweise beigetragen.32
Die Gründe für die Krise in Somalia lassen sich diesen Analysen nach sehr wohl benennen; demgegenüber flieht der Erzähler, der sich bewußt weigert, die Lage in Somalia historisch und politisch zu verstehen, in eine Phantasie von kultureller Differenz und in ein generelles Klagelied über die Tragik des Lebens. Dem entsprechen die - wenn auch ambivalenten - Verweise auf den Kirchenlieder-Dichter Paul Gerhardt (1607-1676), der den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges seine Gottvertrauen ausdrückenden Lieder entgegensetzte (30, 35). Die Tragik des Lebens spricht auch ein dem Text als Motto vorangestelltes Zitat von Guido Ceronetti (geb. 1927) an: "Jede individuelle Erleichterung des Gewichts des Tragischen bewirkt eine Zunahme des Tragischen in der Welt, das auf allen lastet." Bedeutet dies, daß das Maß des Tragischen immer konstant bleibt? Daß dem einzelnen nicht geholfen werden soll, weil sonst das Kollektiv leidet? Die vormodernen Kräfte des Schicksals anzurufen erscheint fragwürdig, denn die Situation in Somalia ist bei weitem nicht so mysteriös, wie Kirchhoff uns glauben machen will. Seine Kritik an der humanitären Intervention ruft letztlich dazu auf, den ärmeren und kulturell anderen Ländern der Welt keine
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31 "In der Bundesrepublik gewann Somalia an Ansehen, nachdem es im Oktober 1977 der Bundesgrenzschutzgruppe GSG 9 auf dem Flughafen Mogadischu den Einsatz gegen Terroristen erlaubt hatte." Brockhaus Enzyklopädie (1993).
32 Ahmed Farah Mohamed und Jasmin Touati, Sedentarisierung von Nomaden - Chancen und Gefahren einer Entwicklungsstrategie am Beispiel Somalias. Saarbrücken: breitenbach, 1991. Siehe auch Thiel (wie Anm. 25), S. 27ff.


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Unterstützung zukommen zu lassen. Gleichheit - eben dasselbe Verhältnis zu Leben, Schmerz, Tod und Leid - wird somit zur Bedingung für Hilfe.
Dieses Denken setzt dabei voraus, daß die Intervention der Vereinten Nationen überhaupt rein humanitär motiviert war; und obwohl es zugestanden sei, daß auch selbstlose Gründe zu diesem Einsatz geführt haben, soll hier nicht versäumt werden, auf andere Motivationen hinzuweisen. Wie Touati vorschlägt, war die Intervention in Somalia ein Versuch, das durch den Golfkrieg stark angegriffene Image der Vereinten Nationen aufzuwerten. Für George Bush war demnach Operation Restore Hope ein "glanzvolle[r] Abgang" und ein Versuch, den Handlungsspielraum von Bill Clinton zu bestimmen, unter anderen auch zu verhindern, daß das Militärbudget Abstriche erfahren würde.33 Auch für Deutschland, könnte behauptet werden, war UNOSOM Imagepflege und reflektierte den Willen, im Konzert der Großmächte endlich eine wichtige Rolle zu spielen. Außerdem finden wir in Kirchhoffs Text keinerlei Hinweise auf die strategisch so wichtige Lage des Landes: ein friedliches und pro-westliches Somalia verspricht Zugang zu den Ölfeldern in Saudi-Arabien, Irak und Iran und zu den zwei wichtigsten Schiffsrouten, nämlich der Route durch den Suez-Kanal und der um das Kap. Ein stabiles Somalia erlaubt auch Zugang zu einem der ständigen Krisenherde der Welt; die Landebahn in Berbera war, Touati zufolge, genau für Zwecke der schnellen Intervention in diesem Gebiet vorgesehen.34
Es hätte konstruktive Alternativen zu dem Vorgehen der Vereinten Nationen gegeben; Sahnouns Bericht gibt Zeugnis von einem Versuch, den Konflikt mit den beteiligten Parteien selbst zu lösen und kritisiert die Entscheidung des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Boutros Ghali, diesen internen Lösungsversuch abzubrechen. Andere Analyden (Hirsch, Oakley) betonen das Selbstlose der Operationen und sehen sie als überwiegend geglückt an.35
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33 Jasmin Touati, "Der UNO-Einsatz in Somalia. Eine Zusammenstellung der Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika und der Vereinten Nationen", Wüstenstürme. Der Krieg des Nordens gegen den Süden? Hrsg. v. Andreas Disselnkötter. Duisburg: Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, 1994, S. 59.
34 Ibid., S. 60-61.
35 Siehe auch die positive Einschätzung von Chester A. Crocker: "The Lessons of Somalia", Foreign Affairs 74/3 (1995), S. 2-8.


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Die ahistorische Kritik, die Kirchhoffs Erzähler formuliert und die sich schnell als Ignoranz entlarven läßt, reflektiert eine Haltung, die aus der deutschen Diskussion um die Fortführung der Entwicklungshilfe bekannt ist. Menzel, Senghaas und andere vertreten den Standpunkt, daß Deutschland den Ländern Asiens und Afrikas nichts schulde und daher keinerlei Verpflichtungen ihnen gegenüber besitze.36 Die Vertreter dieser Ansichten lassen dabei außer acht, daß der Wohlstand Deutschlands zu einem großen Teil auf den schon Jahrhunderte andauernden Lohn- und Preisgefällen beruht, auf - wie beispielsweise Elmar Altvater gezeigt hat - den Mechanismen der internationalen Finanzsysteme, den Schuldenbergen, welche die Wirtschaft der Entwicklungsländer blockieren oder den Währungsraten, welche die Dominanz der Industrieländer garantieren.37
Im Licht dieser Darstellungen wird Kirchhoffs Bericht immer bedenklicher. Hat der Autor, wie auch Peter Handke mit seinem Serbienbericht, wirklich geglaubt, daß allein der Augenzeugenbericht etwas aussagen könnte?38 (Man stelle sich zum Vergleich den Bericht eines Afrikaners vor, der 1945 zwei Wochen im zerbombten Deutschland verbringt, ohne etwas über die Kriegsgeschichte und die Shoah zu wissen.) War dem Autor bewußt, in welchen geistigen Traditionen er mit seinem Afrikabild steht? Oder wollte er vielleicht doch nur provozieren?
Das Problem scheint mir unter anderem eine Frage der Textsorte zu sein. Der Leser hat eine andere Erwartungshaltung an dieses Tagebuch als an einen fiktionalen Text; im Falle eines realistisch aufgemachten Tagebuches über eine Reise, das dazu noch zuvor im Spiegel publiziert wurde, liest er ihn als authentischen Text, als Diskussionsbeitrag, der
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36 Siehe Ulrich Menzel, Das Ende der Dritten Welt und das Scheitern der großen Theorie. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1992; Dieter Senghaas, Von Europa lernen. Entwicklungsgeschichtliche Betrachtungen. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1982.
37 Elmar Altvater , Sachzwang Weltmarkt. Verschuldungskrise, blockierte Industrialisierung, ökologische Gefährdung - der Fall Brasilien. Hamburg: VSA, 1987. Siehe auch Asit Datta, Welthandel und Welthunger. München: dtv, 1993.
38 Peter Handke, Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1996; Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1996. Beide Texte führten zu heftigen Kontroversen. Siehe dazu Die Angst des Dichters vor der Wirklichkeit. 16 Antworten auf Peter Handkes Winterreise nach Serbien. Hrsg. v. Tilman Zülch. Göttingen: Steidl, 1996.


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politische und historische Information enthält. Daran ändern auch die literarisierenden Einschübe aus der Zeit des Krankenhausaufenthaltes und des Italienurlaubs nichts, denn die Aussagen über Somalia selbst werden dadurch nicht relativiert. Insofern ist Herrenmenschlichkeit nicht vergleichbar mit dem fiktiven Tagebuch über Čarnojevič des serbischen Autors Milo¨ Crnjanski (1893-1977), welches der Erzähler während des Somaliaaufenthaltes liest und auf das er wiederholt verweist (9, 13). Obwohl auch dieser Text autobiographisch motiviert ist und die Erschütterung Crnjanski durch seine Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg dokumentiert, sind der Erzähler und der Autor klarer zu trennen. Auch führt die Wahl von Crnjanskis bitterem Text als Referenz dazu (wie auch die Verweise auf Gerhardt und Ceronetti), das allgemein Tragische an Krieg und Katastrophen zu betonen, ohne das Besondere an der somalischen Situation zu berücksichtigen. Der Text des serbischen Autors ermutigt den Leser darüber hinaus jedoch zu grundsätzlich anderen Schlußfolgerungen: Während Crnjanski gezielte Kritik am Krieg übt, fordert Kirchhoff ja letztlich dazu auf, den Krieg sich selbst zu überlassen, anstatt durch Intervention oder andere denkbare Maßnahmen das Übel zu lindern.
Die überzeugendste Kritik am Geschäft mit dem Krieg übt Kirchhoff durch seine Darstellung der Journalisten. Sie sind die eigentlich Kriegführenden, der Kriegsatmosphäre hinterherjagend, während die Soldaten gekommen sind, den Krieg zu verhindern (11). Die Anagramme der Fernsehanstalten sind "die Feldzeichen der Epoche" (32), Journalisten halten "die Kamera schußbereit" (33), der Journalist Hansi Krauss (der später zu Tode gesteinigt wird und dem Kirchhoff seinen Text gewidmet hat), mit "Kameras um den Hals, gleichsam bewaffnet" (34), "könnte auch Soldat sein, Pilot" (32). Kirchhoff kritisiert hier auf eindringliche Weise die Sensationslust der Medien, die Skrupellosigkeit, mit der Journalisten und Fernsehteams dem Leiden auf der Welt hinterher sind. Auch bei sich selbst verspürt der Erzähler diese Hoffnung danach, "daß es kracht" (41).
In dieser Thematisierung der Fiktionalisierung des Krieges, in der Bloßstellung fragwürdiger Berichterstattung über Kriege und Interventionen, die für die Medien gemacht zu werden scheinen (42), liegt meiner Ansicht nach der einsichtsvollste Aspekt von Kirchhoffs Text.39
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39 Siehe auch Douglas Kellners Buch zur Berichterstattung über den Golfkrieg: The Persian Gulf TV War. Boulder: Westview, 1992.



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Doch diese Kritik Kirchhoffs wird überschattet von der problematischen Schilderung der Truppen und der Somalis. Wenn Kirchhoff es beabsichtigt haben sollte, den deutschen Leser durch seinen narzißtischen und in klischeehaftem Denken verhafteten Erzähler zum Nachdenken über Somalia und zur Reflexion auf die Kontinuität von Vorurteilen gegenüber Afrika in der deutschen Kultur aufzufordern, so scheitert er durch die Wahl des Genres. Dieses Tagebuch wird vielmehr dazu führen, daß Kirchhoffs Text eine ganz bestimmte Haltung in der deutschen intellektuellen Szene (Menzel, Senghaas) unterstützt. Wäre Kirchhoff bei der bloßen Schilderung seiner Erlebnisse geblieben, könnten seine Beobachtungen als wertvolle subjektive Eindrücke einer verzweifelten Lage bestehen. Doch dadurch, daß er letztlich - basierend nur auf diesen subjektiven Eindrücken - ganz massive Schlüsse zieht und Ratschläge gibt, die katastrophale Folgen für die somalische oder vergleichbare Situationen haben würden, überschätzt er die Gültigkeit der eigenen Beobachtungen, überschätzt er den Wert des Augenzeugenberichtes. Die Reisenotizen haben, besonders in Anbetracht der zur Verfügung stehenden alternativen Informationsquellen, nicht bewirkt, daß die Deutschen besser über Somalia informiert sind, geschweige denn eine differenziertere Meinung zur komplexen und dringenden Frage der humanitären Intervention gewinnen konnten. Die Kontinuität von kulturellen Vorurteilen und Klischees (Schmerz, Tod und Leiden als Charakteristikum der Afrikaner; die eitlen, aber netten Deutschen in Somalia) scheint ungebrochen, der oberflächlich selbstreflexiv erscheinende Erzähler entpuppt sich als der Narziß des literarischen Werkes, der aufgrund seiner Selbstbespiegelung den Anderen nicht erreichen kann. Und es anscheinend auch gar nicht will.


SIEHE AUCH:
Nina Berman, "Humanitarian Interventions: The German Army and Bodo Kirchhoff in Somalia, " in: Impossible Missions? German Economic, Military, and Humanitarian Efforts in Africa (Lincoln, NE: University of Nebraska Press, 2004), 139-73.



Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin, des Herausgebers und des Verlages
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