Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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neben dem braungebrannten Vater

Eine hellhäutige Made mit
Sonnenbrillchen, neben dem braungebrannten Vater. [a]


mit Schultüte

Der verschämte Links-
händer auf dem Weg zur
Schrift in erbärmlicher Garderobe. [b]



Lieblingsbild aus der Kasernenzeit

Lieblingsbild aus der Kasernenzeit, während der nächtlichen Wache entstanden, selbst unter Soldaten als »untragbar« eingestuft. [d]



L e b e n s d a t e n   1 9 5 9 - 1 9 7 1
1959
bis
1968
Internat Gaienhofen am Bodensee; erstes Schreiben

"Eines stillen Sonntags wurde es dort abgesetzt, Gaienhofen am Bodensee, die melancholische Höri, Wahlheimat des jungen Hesse. (...) Von einem Tag zum anderen, ja fast von einem Augenblick zum nächsten, fand sich das Kind in einer Umgebung wieder, die eine geheime Fortsetzung des Dritten Reiches genannt werden darf, unter protestantischen Vorzeichen." [1]

Moseleck
Gaststätte Moseleck, Ecke Münchener/Moselstraße
Foto: ©Schubert

"Das Moseleck hat offen bis drei, in Messezeiten sogar bis vier. Auf der ganzen hinteren Wand das Moseleck als Poster: eine malerische Biegung der Mosel unterhalb einer Burg; ein Lokal mit Referenz. Ich setze mich in die Nähe der Musikmaschine, wo ich immer sitze, und Renate bringt mir mein Bier. Am Ausschank Jacob - undefinierbar. Aus Gewohnheit sag ich zu Renate: Ein halbes Hähnchen... und sie zu mir: Wie immer... Im Moseleck ändert sich gar nichts, und deshalb komme ich hierher."

(Haarscharf verfehltes Glück in der Liebe, in: Die Einsamkeit der Haut, S. 36)



"Nach fünf grausamen Jahren, (...) nach all dem Düsteren also kamen fünf helle Jahre, begleitet von Schlagern, die noch immer an mir rütteln, wenn ich sie höre, ›Marmor, Stein und Eisen bricht‹; ›Monday, Monday‹; ›Pretty woman‹. Von dieser Musik getragen, machte ich mit Michael die Schülerzeitung, nannte mich, den noch unangefochtenen Hamburger ›Spiegel‹ im Auge, Herausgeber und begann mit meinem Alter Ego-Freund um die Wette zu schreiben, um die Wette zu lesen - Kafka, Camus, Moravia; Frisch, Brecht, Johnson (eine regenbogenfarbene, preiswerte Edition kam damals auf den Markt, ihr Name wurde für mich zum Synonym für Literatur, mein Mekka hieß Frankfurt)." [2]

Bodo Kirchhoff 15jährig
Fünfzehnjährig im Internat. [e]

"Ich bin Walser zum ersten Mal mit 16 begegnet. Damals gab ich in einem Internat am Bodensee die Schülerzeitung heraus und interviewte den Autor mit einem Freund in Friedrichshafen. (...) Mein Freund und ich erreichten das Haus des Autors nach mehreren Flaschen Bier, aber bei klarem Verstand. Walser empfing uns auf einer Art Malerleiter, auf den unteren Sprossen die Fahnen eines Buchs; er hockte dort oben und erklärte die Welt, ein Mann mit betörender Aussprache, an der Grenze zum Sprechgesang, immer irgendwie vortragend, schon damals - dabei viel jünger, als ich es heute bin - ein Staatsschauspieler und Gelehrter der Schriftstellerei, mit Ende 30 schon älter, als ich es je sein werde." [3]

"Dieses lange Zeit unaussprechliche Glück hinter dem Unglück stärkte mir letztlich den Rücken: immer öfter wagte ich nun die Selbstvorhersage ›Schriftsteller‹, und das, obwohl meine Deutschnote nie über das unbefriedigende Befriedigend hinauskam."
"Eine Prognose, die legitimiert werden mußte - ich schrieb inzwischen kleine Stücke, die auf der Schulbühne aufgeführt wurden, sowie Poeme, die ich für mich behielt." [4]


Morgensternstraße, Sachsenhausen
Morgensternstraße, Foto: ©Schubert
Haus Nr. 41, Morgensternstraße
Haus in der Morgensternstraße, Foto: ©Schubert
"Feuerbach saß, anstatt zu schlafen, in der Küche einer Zweihundert- quadratmeterwohnung im Frankfurter Apfelwein-Stadtteil Sachsenhausen, Morgensternstraße, und dachte über sein Leben nach. Er war seit heute Untermieter, mit Bett und Schrank in einem  noch nicht leer geräumten Kinderzimmer, dazu Benutzungsrecht für Bad und Küche..."

(Schundroman, Seite 18)







"Und mit den vier Tüten in meinen zwei Händen und einem Kopf voller Gedanken, die ich mir um die Kressnitz machte, lief ich über die Schneckenhof- in die Morgensternstraße, bis ich vor Branzgers Haus stand oder
dem Haus mit seiner Wohnung, ehedem Wohnung der Rosens."

(Wo das Meer beginnt, Seite 276)

1968
Abitur am Ambrosius-Blarer-Gymnasium in Gaienhofen

"In diesem Jahr machte ich in dem Bewußtsein Abitur, nun die Welt umzukrempeln, und da mir das Militär als ärgster Feind erschien und der bewaffnete Kampf als unumgänglich, glaubte ich, zweifach effektiv zu sein, wenn ich Ausbilder würde, also einerseits Rekruten politisierte und andererseits die Fähigkeit erwürbe, andere später im Umfang mit Waffen auszubilden." [5]

Eingang zum Eros-Center
Eros-Center, Foto: ©Schubert
"In dem Haus gegenüber, im ersten Stock, wird von einer Frauenhand ein Vorhang zugezogen, dahinter findet es jetzt statt. In dieser Gegend sind die meisten Frauen in den Häusern, und man muß viele Treppen steigen, um sie alle zu sehen; Untrainierte sind wahrscheinlich kaputt, bevor es richtig losgeht. Doch es gibt auch Frauen auf der Straße, vor den Pensionen oder irgendwo im Abseits."

(Mittelpunkt des Universums, in: Die Einsamkeit der Haut, S. 56)



1968
bis
1970
Militärdienst; aus dem Schreiben wird Malen

"Ich kam dann zur Luftwaffe nach Mengen, auf die eisige Alb, und mein Elan war nach kurzer Zeit gebrochen - die Rekruten wollten nur saufen, und bald wollte ich auch nur noch saufen, wie gelähmt von der Stumpfheit des Exerzierens und der Sturheit schwäbischer Bordelle; ich war nur noch unglücklich, ein Häufchen Elend. (...) Ich begann, in der Kaserne zu malen, Bilder, die selbst unter Soldaten als untragbar eingestuft wurden - der Spieß entfernte sie eigenhändig von der Stubenwand, fortan galt ich als rot und obszön, Lehrgänge blieben mir erspart, ich verließ die Truppe als Obergefreiter - es gibt Prüfungen im Leben, durch die fällt man besser durch." [6]


Foto: ©Schubert
"Und an Stelle einer Antwort kniete er sich vor sie und legte ihre Beine auseinander, das eine nach links, das andere nach rechts, schön symmetrisch; dann beugte er sich über sie und küßte das kleine Tatoo, ihre Bauchdecke zitterte, und er zitterte mit, während auf der nahen Hanauer eine Straßenbahn fuhr. Das mußte die Vierzehn sein, auf der langen Geraden zur Station Bärenstraße, er kannte ihr schneller werdendes Rumpeln, das überging in ein Stampfen und Rauschen, ta-damm, ta-damm, es hatte seinen Kinderschlaf begleitet."
(Schundroman, Seite 153)

1970
bis
1971
USA-Aufenthalte; Rückkehr zum Wort

"Einundzwanzig war ich nun und fühlte mich am Ende; und so tat ich, was viele schon getan haben, wenn ihnen hier alles aussichtslos erschien: ich ging nach Amerika. Dort arbeitete ich monatelang als ambulanter Eisverkäufer und erfuhr, daß es ein Leben jenseits all dessen gab, was für mich, bisher, die Welt war. Mal wurde ich überfallen, mal verhaftet, mal wurde mein Eiswagen mit Steinen beworfen; und immer wieder fragten mich Kinder in dem jüdischen Viertel, das auf meiner Route lag: ›Tell me - how many Jewish people did your father kill?‹" [7]



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Alle Fotos (teilweise hier abgebildet als Ausschnitt) und Zitate auf dieser Seite stammen aus
Bodo Kirchhoff: Legenden um den eigenen Körper, Frankfurter Vorlesungen,
Frankfurt am Main, Suhrkamp 1995
[1] Ebd., S. 23; [2] Ebd., S. 28; [4] Ebd., S. 30/31; [5] Ebd., S. 32; [6] Ebd., S. 32/33;
[7] Ebd., S. 33, [a] Ebd. S. 43; [b] Ebd. S. 46; [c] Ebd. S. 98; [d] Ebd. S. 34; [e] Ebd. S. 25.
Bodo Kirchhoff: Letzte Schlacht vor dem Nachruhm, DER SPIEGEL 24/2002
[3] Ebd.

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