Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Mindanao - Malaybalay

Im Januar 1985 angekommen, sprang ihn [Kirchhoff] statt eines literarischen Einfalls das Gewaltklima des Bürgerkriegs an. Als "ängstlicher Mensch" suchte er eine Art Schutz bei Jesuiten an einer kleinen Universität in der Küstenstadt Cagayan de Oro auf Mindanao, um sich "von den klugen Männern etwas über die Insel erzählen zu lassen". Bei den Tischgesprächen hörte er die Pater wiederholt mit großem Respekt von einer entlegenen Station sprechen, wo einige alte Missionare ihren Lebensabend verbrachten. Einer von ihnen kam eines Tages in die Stadt Kirchhoff begegnete ihm zufällig, und der alte Priester sagte: "Gott war mit Ihnen, als Sie mich getroffen haben. Sie können mitkommen."
Der Schriftsteller fand seinen Ort, der Roman seinen Anfang. (...) Kirchhoff wußte im ersten Moment, als er in dem Nest namens Malaybalay das Haus sah, die Terrasse mit Blick auf die üppige Vegetation, daß sein Buch nur hier spielen konnte.
[a]











L e b e n s d a t e n   1 9 8 1 - 1 9 8 8
1981
bis
1983
Reisen nach Afrika, Asien und Südamerika; Reportagen für die Zeitschrift ›TransAtlantik‹

"Ich hatte eine Auftragsarbeit übernommen - von den Aktivitäten der DDR in Äthiopien zu berichten -, obgleich alles in mir selbst dagegen sprach, mich in Elend, Schmutz und Unsicherheit zu begeben. Daß ich trotzdem fuhr, lag an der Neugier und also auch daran, daß ich mir reichlichen Schreibstoff versprach - einem Kaufmann ähnlich, der auf Rohstoffsuche in ein Land fährt, dessen Bewohner und Kultur ihm einerlei sind. Ich hatte dort gar nichts verloren, und vielleicht war auch das ein Stück der Verlockung.
Vor Ort war dieser Widerspruch dann handfest. Ich kam mir völlig fehl am Platz vor, als ich zum ersten Mal durch Addis Abeba mehr fortlief als lief - andauernd abgestoßen durch die Armut, und von diesem Abgestoßenwerden auf einem Zickzackkurs weitergetrieben - (...) in einem für mich schrecklich fremden Land der Dritten Welt." [4]

Eingang zur Galerie Rothe, Danneckerstraße
Galerie Rothe, Danneckerstraße, Fotos: ©Schubert
Galerie Rothe, Danneckerstraße
"Der allgemein als publikumsscheu geltende neue Skandalautor Ollenbeck trug aus Anlaß seiner Lesung in der völlig überfüllten Galerie Rothe, Danneckerstraße, eine Sonnenbrille, Dichtermodell mit rundem Glas, dazu jedoch ein weißes Hemd mit Stehkragen unter einem schiefergrauen Gucci-Anzug, und da er ohnehin einen kurzen Hals hatte, wuchs ihm der Schädel sozusagen übergangslos aus dem Hemd; sein Gesicht erschien einem jedenfalls wie ein toter Planet mit zwei Kratern. Es war groß, bleich und etwas aknenarbig, mit einer irgendwie raumgreifenden, weichen Nase, dafür aber sehr ausgeprägten, wie mit einem Schnitzmesser gezogenen Lippen, die ihn einzig und allein als Verfasser eines Romans voller Erfahrungen mit dem eigenen und anderen Geschlecht legitimierten, seinem Erstling Die traurige Haut, aus dem er mit überraschend männlicher Stimme vorlas.

"Der neue Typ des Autors", sagte Nola leise zu Feuerbach, und ihr Mitbewohner, nach gründlicher Dusche gerade noch zu Beginn der Veranstaltung eingetroffen, nickte ihr zu, auch wenn er sich darunter wenig vorstellen konnte, eigentlich gar nichts."


(Schundroman, Seite 196)

1983
Zwiefalten; Roman

1983
bis
1984
Reisen nach USA und Mittelamerika



1984
Mexikanische Novelle

Jahreskunstpreis des Frankfurter Vereins für Künstlerhilfe

1985
Dame und Schwein; Geschichten

Glücklich ist, wer vergißt; Schauspiel/Hörspiel

Die Geldverleiherin; Drehbuch

"Ich habe einen einzigen Fernsehfilm gemacht, wo ich auch selber mitgespielt habe. Das war die Rosemarie-Nitribitt-Geschichte. Das war so schräg, so daneben, daß ichs gut fand." [1]

Frankfurter Hochhäuser
Mainhattan - Foto: ©Schubert





"Ich lebe mit Blick auf unsere Hochhäuser, die nicht hoch genug sind, mich zu erschüttern, aber schon zu viele Stockwerke haben, um das Ganze noch auf die leichte Schulter zu nehmen."
(Parlando, Seite 13)


1985
bis
1988
Reisen auf die Philippinen, Zeuge des Bürgerkriegs und der Revolution;
Vorarbeiten zu Infanta

"Nun haben Fremde und Elend ja nicht nur begrifflich miteinander zu tun, ich habe daraus meinen Nutzen gezogen. Ich schreibe anderswo; nur in der Fremde erfahre ich die Gegenwart nachhaltig. Fern der Heimat beschäftigt mich nichts anderes als der verwestlichte Mensch im späten zwanzigsten Jahrhundert, in dieser Zeit der Selbstverliebtheit, des Unterhaltungsrausches, der Massenarmut und einer Vernichtungsbedrohung, die die ganze Gattung betrifft. Das sehe ich deutlich - und glaube nicht an eine Endzeit." [5]

1987
Heirat der langjährigen Freundin Ulrike Bauer am Gardasee

"(...) Deshalb leitete ich dann am Ende dieser Jahre auch selbst eine einschlägige Veranstaltung, über den berühmten Kindermörder Jürgen Bartsch, Das Bartsch-Seminar - anfangs gut besucht, (...) bis ich, in diesem Seminar, ungewollt ins Literarische glitt, die Morde als blutige Schnittstellen zwischen Körper und Seele so im Detail besprach, daß am Schluß nur noch eine Frau übrig war, die richtige." [2] 

Die Erzählung »Haarscharf verfehltes Glück in der Liebe« aus »Die Einsamkeit der Haut«
(entstanden Mai 1979 bis Juli 1980) ist bereits "U. B. gewidmet".

In »Zwiefalten« (entstanden Herbst 1982 bis Frühjahr 1983) heißt es in der Danksagung: "Besonders danke ich Ulrike Bauer, die meine Arbeit erträgt."

Marco Bertuzzi "war auch unser Trauzeuge, als wir 1987 am Gardasee geheiratet haben. Sonst war nur unser Hund dabei und als Standesbeamter der Bürgermeister, der am Abend vorher schwer gezecht hatte und sich zur Stabilisierung in eine italienische Fahne gerollt hatte, darunter trug er Turnschuhe." [3]

Der Roman »Infanta« (erschienen 1990) ist Ulrike Bauer gewidmet ("Für Ulrike").

Eingang Tiffany, Goethestraße
Tiffany und Linda, Goethestraße, Foto: ©Schubert
Schuhsalon Linda, Goethestraße
"Sie war ja schon immer die kleine Meile der großen Preise, die Goethestraße, von Gucci bis Pucci, aber nun gab es dort sogar eine Tiffany-Filiale, mit pompöser Fassade an einem Haus wie aus dem Ostend; sie schienen reich geworden zu sein, die Frankfurter reich oder größenwahnsinnig, während er vor allem müde geworden war in den letzten Jahren, müde des Wartens auf sein Glück, eine Art Wiederkehr der Ostbahnhofstraße neun, wenn er mit den Eltern im Wohnzimmer saß und Rudi Carell sah, Am laufenden Band. Hold ging an Bogner, Versace und Escada vorbei und trat in Lindas Schuhsalon, den gab es schon damals, und sagte zu einer Verkäuferin in weißen Schlaghosen, die irgendwie verbittert herumstand, mit der neuen Mode oder ihrem Schicksal hadernd: »Zeigen Sie mir Damenschuhe.«
»Wir führen ausschließlich Damen- schuhe.«
»Darum will ich ja auch Damenschuhe sehen«, sagte Hold.
Die Verkäuferin warf ihren Kopf in den Nacken.
»Und in welcher Art?«
»Egal, sie müssen nur schön sein. Schön und leicht.«
»Welche Größe?«
(...)

(Schundroman, Seite 44)

1988
Geburt des Sohnes Claudius

"Angst, mir werde das Herz nicht weiter
wenn ich dich sähe, wäre ich blind
Angst, ich sei vielleicht jener Reiter
der zu spät durch Nacht und Wind.

Furcht, du könntest sachte sterben
sachte mir zwischen den Fingern zerrinnen
Furcht, du könntest seltsam werden
auf Umwegen nur Menschen Liebe gewinnen."
[6]

Der Roman »Der Sandmann« (erschienen 1992) ist Claudius gewidmet ("Für Claudius"):

Ferne Frauen; Erzählungen


Fotos: ©Alexander Beck
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Ulrich Struve: "Gespräch mit Bodo Kirchhoff". In: Deutsche Bücher. 1996. Heft 1. S. 1-16.
[1] Ebd., S. 5.
Bodo Kirchhoff: Legenden um den eigenen Körper, Frankfurter Vorlesungen,
Frankfurt am Main, Suhrkamp 1995.
[2] Ebd., S. 37. [6] Ebd., S. 92.
Peter Würth: "Ein Rustico im Paradies". Gespräch. In: MERIAN Heft 07/2003
[3] Ebd., S. 32.
Bodo Kirchhoff: "Zeichen und Wunder. Ein Reisebericht" in Errungenschaften. Eine Kasuistik. Hrg. von Michael Rutschky. Edition suhrkamp 1101, NF 101. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1982, S. 185-194.
[4] Ebd., S. 186
[5] Bodo Kirchhoff: Ich bin ein Möchtegernschriftsteller. In: Literaturmagazin 19 (1987). S. 62/63.
Ariane Barth: "An einem heißen Januartag". In: DER SPIEGEL, 06.08.1990.
[a] Ebd.

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