Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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S e k u n d ä r l i t e r a t u r
Cover Literatur und Journalismus
Johannes Birgfeld
Möglichkeiten und Grenzen literarischer Kriegsberichterstattung
Am Beispiel Bodo Kirchhoffs und Peter Handkes
In  Bernd Blöbaum/Stefan Neuhaus (Hrsg.):
Literatur und Journalismus
Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003
1. Auflage März 2003
S. 293-315
ISBN 3-531-13850-2
Leseprobe

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2 Der Literat als Zeuge der Geschichte und als Vermittler des Leides ihrer Opfer:
Bodo Kirchhoffs Reise nach Somalia

Kirchhoffs Herrenmenschlichkeit (1994) ist mit gut 60 Seiten ein eher knapper Reisebericht, der auf Erfahrungen beruht, die Kirchhoff selbst im Jahr 1993 während seines Aufenthaltes in Somalia gesammelt hat. In Somalia herrschte zu diesem Zeitpunkt bereits seit fünf Jahren ein heftiger Bürgerkrieg, der von 1990 an stetig eskalierte und 1992 so verheerend geworden war, dass sich die Vereinten Nationen zum Eingreifen entschlossen. Nach dem weitgehenden Scheitern begrenzter Frieden schaffender Maßnahmen beschloss der UN-Sicherheitsrat am 3. Dezember 1992 erstmals in seiner Geschichte, Friedenstruppen zu entsenden ("Operation Restore Hope"), die nicht nur den Auftrag hatten, den Frieden zu sichern, sondern diesen auch mit gewaltsamen Mitteln zu erzwingen (vgl. Weber 1997).
An diesem ersten Versuch eines 'peace-enforcements' nahmen auch deutsche Soldaten teil. Damit waren erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg deutsche Truppen außerhalb Deutschlands mit einem bedingten Kampfauftrag tätig. Sofort entbrannte eine heftige Diskussion, ob ein solches Unternehmen überhaupt mit der deutschen Verfassung vereinbar sei, bis das Bundesverfassungsgericht am 23. Juni 1993 die Legitimität des Einsatzes feststellte (vgl. Kirchhoff 1994: 28f.).
Genau in dieser Phase des intensiven Streits macht sich Kirchhoff selbst nach Somalia auf, um dort insgesamt 16 Tage einerseits bei den deutschen Truppen in Belet Huen, andererseits in Begleitung deutscher Journalisten in der Landeshauptstadt Mogadischu zu verbringen.7 Er reist auf eigene Rechnung, also ohne Auftrag einer Redaktion oder einer Regierung. Dabei mag die Begründung, die Kirchhoff in Herrenmenschlichkeit für seine Reise gibt, zunächst etwas vage klingen: Schon immer habe ihn "das Deutsche in der Fremde gereizt" (ebd.: 8), der Einsatz in Somalia interessiere ihn, einfach weil es ihn geben (vgl. ebd.: 8f.) und weil hier etwas geschehe, "das einer, der schreibend ergründen will, in welcher Zeit, in welcher Welt er lebt, nicht versäumen sollte" (ebd.:

7 Kirchhoff erreicht am 19. Juni Belet Huen, am 24. Juni Mogadischu, am 26. Juni wiederum Belet Huen, verlässt am 2. Juli Somalia, um am 3. Juli wieder in Deutschland zu landen (alle Daten nach Kirchhoff 1994).


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27f.). Ihm geht es folglich zunächst um die Deutschen und um den Zustand der Welt, in der er lebt, er möchte seine Landsleute in der Fremde beobachten und den Puls der Zeit spüren, möchte dabei sein, wenn sich Deutschland mit seinem ersten Kampfeinsatz in der Welt neu positioniert. Dazu scheint es für ihn nötig zu sein, sich mit dem somalischen Bürgerkrieg zu befassen. Diesen jedoch umfassend zu verstehen, um ihn anschließend seinen Lesern zweifelsfrei zu erklären, ist für ihn kein vorrangiges Ziel. Folgerichtig entschließt er sich bereits in den ersten Tagen seines Aufenthaltes, "keine Abkürzungen und keine Clan-Namen mehr zu notieren" (ebd.: 16).
Dennoch ist festzuhalten, dass Kirchhoff der Lage der Somalis weder desinteressiert oder mitleidlos entgegentritt. Bereits bei der Anreise über Djibouti erkennt er "in jeder Kleinigkeit" ein "erniedrigtes Afrika" (ebd.: 9). Ausführlich beobachtet er bei jeder Gelegenheit das Verhalten der Somalis, beschreibt, wie Clanführer mit vielen Worten wenig sagen (vgl. ebd.: 14), wie die einheimischen Frauen immer zu arbeiten scheinen, während die Männer meist Müßiggang treiben (vgl. ebd.: 18). Zwei Mal trifft er sich mit einer Somalierin, die vor dem Camp der Deutschen in einer Reisighütte haust, als Prostituierte arbeitet und auf einen richtigen Job bei den Deutschen hofft. Er hört sich ihre Sorgen und Wünsche an, erfährt, dass bereits vier ihrer elf Kinder verstorben sind (vgl. ebd.: 25), kann ihr am Ende aber doch nicht helfen (vgl. ebd.: 57-59). Er notiert, wie den Somalis die UN-Konvois vor allem exotisch erscheinen (vgl. ebd.: 19) und wie sie sich über die Deutschen erregen, weil diese in ihrer kostenfreien Ambulanz Frauen behandeln, statt sie zurück zur Arbeit zu schicken, Kinder untersuchen, obwohl es von denen doch mehr als genug gäbe (vgl. ebd.: 53).
Um ein tiefergehendes Verständnis der somalischen Lebensweise oder der politischen Lage aber bemüht sich Kirchhoff nicht. Auch gegenüber den Journalisten und Soldaten aus Deutschland, Nigeria oder Italien, mit denen er zu tun hat, zeigt er kaum mehr Interesse. Hier und da berichtet er von Gesprächen, die er mit Gefreiten oder Offizieren über ihr bisheriges Leben (vgl. ebd.: 11), über die Erfolgschancen (vgl. ebd.: 22) und die Legitimation der Mission (vgl. ebd.: 48f.) führt. Noch am ausführlichsten beschreibt er die Soldaten bei ihrer Arbeit, wenn sie mit einem Konvoi durch Belet Huen fahren (vgl. ebd.: 11), in Mogadischu


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wohl geordnet Lebensmittel an die Bevölkerung verteilen (vg.. ebd.: 36ff.) oder die Ströme der Kranken vor der deutschen Ambulanz kanalisieren und die hilfsbedürftigsten Patienten zur Behandlung auswählen (vgl. ebd.: 51ff.). Tiefergehende Fragen stellt er nicht.
Ähnlich ergeht es den Journalisten: Kirchhoff beobachtet und beschreibt, wie sie Soldaten dazu bewegen, sich in Posen zu werfen (vgl. ebd.: 11), wie ihnen die Militärs die strategische Lage trotz langer Vorträge nicht verraten (vgl. ebd.: 16), wie sie in Mogadischu alle in einem Hotel versammelt sind, inmitten der zerstörten Stadt das neueste technische Gerät besitzen und regelrecht auf "Schreie, auf Bilder, auf Arbeit" (ebd.: 35) warten. Auch hier fragt Kirchhoff nicht nach, bemüht sich nicht, Zusammenhänge zu ergründen.
Dieses Desinteresse hat jedoch einen entscheidenden Grund: Kirchhoff glaubt offenbar nicht, dass es ihm möglich sein könnte, das Fremde, dem er in Somalia, bei den Journalisten und den Soldaten begegnet, adäquat zu verstehen. Schon der erste Satz des Buches macht dies deutlich und stellt alle folgenden Aussagen über Somalia und die Somalis unter den Vorbehalt de Subjektivität und Zweifelhaftigkeit: "Die Somalis, soweit ich sie beobachten konnte - ich konnte vielleicht zwanzig oder dreißig beobachten, von sieben oder acht Millionen -, sind in der Mehrzahl Nomaden" (ebd.: 7).
Doch nicht nur der zu kleine Ausschnitt der erlebten Wirklichkeit, auch der zu große Grad an Fremdheit begrenzt aus Kirchhoffs Sicht die Möglichkeit, während seiner Reise adäquate Einsichten zu gewinnen. So schreibt er über seine ersten Eindrücke in Belet Huen: "Was ich sehe, drückt mich an die Wand. Zu viele Farben, zu viele Gesten, zu viele Gesichter - zu viel Fremdheit, wenn man Fremdheit ernst nimmt" (ebd.: 10). Und noch am Ende der Reise bestätigt er diese Haltung mit der Überlegung: "(...) daß es nicht richtig ist, über diese Tage zu schreiben, weil es Jahre sein müßten" (ebd.: 56).
Damit hat Kirchhoff eine Position bezogen, die seit einiger Zeit mit gutem Recht als postkolonial bezeichnet wird. Sie trägt der Tatsache Rechnung, dass über Jahrhunderte hinweg die europäische Reiseliteratur die Fremde, über die sie berichtet, systematisch verkannt hat. Immer wieder diente ihr das Unbekannte nur als Folie für "eurozentrische Projektion[en]" (Guthke 2000: 2), wurde das Andere nicht in seiner Eigenart


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wahrgenommen, sondern stereotypisiert, wurde es zum Zweck der "Affirmation [der] Besonderheit der eigenen Kultur" und zur Bestärkung des eigenen "Überlegenheitsgefühls" (Heinritz 1998: 16) als unterentwickelt abgewertet oder aber im Sinne edler Wildheit und paradiesischen Lebens als Gegenbild zur eigenen Gesellschaft idealisiert.8 Eine postkoloniale Literatur, die solche Fehlentwicklungen vermeiden will, verzichtet daher, wie es Paul Michael Lützeler treffend zusammengefasst hat, grundsätzlich auf "jene Autor-Perspektive, die gleichsam olympisch alles übersieht, alles eindeutig zu bewerten und einzuordnen weiß" (1998: 235). Zudem gestehen ihre Autoren

Unsicherheiten, Irritationen, mögliche Irrtümer und die Begrenztheit ihrer
Erfahrung ein. Sie wissen, daß ein eurozentrischer Blickwinkel den Zu-
gang zu den Problemen der Dritten Welt erschwert, sind sich aber gleich-
zeitig darüber im klaren, daß sie bei ihren Reisen europäische Denk- und
Verhaltensweisen nur revidieren, nie aber ganz aufgeben können bzw.
wollen (ebd.).


Herrenmenschlichkeit ist in vieler Hinsicht die genaue Umsetzung dieses postkolonialen Programms: Kirchhoff berichtet hier nur, was er unmittelbar als Individuum und Subjekt wahrgenommen hat, berücksichtigt keine fremden historischen oder politischen Erläuterungen und Interpretationen der Situation. Bei der Wiedergabe seiner Wahrnehmungen verzichtet der konsequent auf jeden Versuch des Verstehens und beschreibt, ohne zu erklären.
Wirklich bemerkenswert allerdings wird der Text erst durch zwei Erweiterungen, die Kirchhoff an diesem Programm vornimmt. Denn obwohl er davon ausgeht, auf seiner Reise in Somalia keine wirklich nachhaltigen Einsichten in das Leben der Somalis, der Journalisten oder Soldaten gewinnen zu können, nutzt er seine Eindrücke doch zu einem ausgiebigen, wiederum rein subjektiven Räsonnieren über das Gesehene. So glaubt Kirchhoff beispielsweise mehrfach beobachten zu können, dass die Somalis ein anderes Verhältnis zum Tod und zum Leiden haben als die Europäer. Beim Besuch eines Krankenhauses trifft er auf "eine frisch Verstorbene auf einem Brett, drumherum Hinterbliebene", und stellt mit

8 Insbesondere Edward Saids Studie Orientalism (1978) war hier bahnbrechend und zog eine Vielzahl weiterer Forschungen nach sich, die heute zumeist unter dem Stichwort der 'postcolonial studies' zusammengefasst werden.


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Erstaunen fest, dass "niemand klagt, niemand weint, als sei der Tod so gewöhnlich wie die Sonne" (Kirchhoff 1994: 20). Als er bei anderer Gelegenheit jene Somalierin, die vor dem Lager als Prostituierte lebt, nach dem Tod ihrer Kinder fragt, ist er irritiert, als sie nur anmerkt, "es sterben immer Kinder", so, "als seien gar nicht ihre Kinder gestorben" (ebd.). Hingegen bemerkt Kirchhoff wiederholt, wie sich die deutschen Soldaten in der Mittagshitze mit Dauerläufen fit zu halten versuchen (vgl. ebd.: 15), und entwickelt daraufhin folgende, sehr eigene Position zum Einsatz der UN in Somalia:

Ich sehe hier einen neuartigen Kreuzzug (...), auf dessen Fahne nicht
Humanität steht, sondern Humanitismus - wie früher Katholizismus, Ka-
pitalismus, Sozialismus (...) Wir, die wir hier bei 45 Grad im Schatten
Dauerläufe machen, in der Hoffnung, dadurch länger zu leben, worauf
ein Somalier im Leben nicht käme, (...) wir, die wir aus einer Überle-
benskultur kommen, tragen unsere Lebensbessenheit in ein Land, in
dem der Tod ein Vertrauter, ja ein Verbündeter ist. Humanitismus bedeu-
tet die Idee vom Leben um jeden Preis (ebd.: 28).


Gewiss wirkt diese Äußerung auf den ersten Blick zynisch und vielleicht ist sie auch nicht haltbar. Sie zeigt aber zugleich, dass Kirchhoff auch eine moralische Konsequenz aus den Überlegungen des Postkolonialismus zieht. Denn dort, wo man nicht glaubt, das Fremde erkennen zu können, da darf man womöglich auch nicht versucht sein, dem Anderen bestimmte Lebensformen, wie die des friedlichen Zusammenlebens in einer staatlichen Gemeinschaft, aufzuzwingen.
Wie wenig zynisch Kirchhoff solche Überlegungen tatsächlich meint, zeigt seine zweite grundlegende Erweiterung des postkolonialen Basiskonzeptes. Sie besteht in einer umfassenden Literarisierung und symbolischen Aufladung seines Reiseberichts. So werden die Erinnerungen an Somalia zwar scheinbar in chronologischer Reihenfolge präsentiert, bereits auf der ersten Seite aber macht der Erzähler deutlich, dass er sich die Freiheit genommen hat, die Eintragungen nach seinem Belieben umzustellen (vgl. ebd.: 7f.). Auch durchbricht Kirchhoff immer wieder seine somalischen Notizen mit Beschreibungen der Zeit nach der Rückkehr aus Afrika und kontrastiert so die afrikanischen Erlebnisse mehrfach mit Schlaglichtern auf die deutsche Lebenswirklichkeit. Von einem regelrechten Reisebericht kann da keine Rede mehr sein, eher von einer Rei-


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seerzählung.9 Darüber hinaus wendet Kirchhoff in Herrenmenschlichkeit ein Verfahren an, das er in seiner Frankfurter Poetikvorlesung von 1994/95 mit dem Motto Dem Schmerz eine Welt geben bezeichnet hat (Kirchhoff 1995: 135). Kriege, so führte er damals aus, verursachten vor allem viele sinnlose Schmerzen, weil den Opfern meist gar kein Ziel oder Grund des Krieges bewusst sei (vgl. ebd.: 137). Der Literatur komme es in dieser Situation zu, dem sinnlosen Schmerz "eine referentielle Stabilität zu geben" (ebd.), ihm also dadurch, dass man ihn zu etwas in Beziehung setzt, eine Dimension und Richtung zu geben, beispielsweise, indem er zur Biografie des Opfers oder zum Schmerz anderer Personen in ein Verhältnis gesetzt wird (vgl. ebd.: 140).
Liest man Herrenmenschlichkeit aufmerksam, so zeigt sich, dass der gesamte Text mit symbolischen Verweisen auf den westlichen Umgang mit Tod, Krankheit und Tröstung durchsetzt ist, die das somalische Leid in seiner Größe veranschaulichen. Hier sei zum Beispiel auf die Angst der deutschen Soldaten vor Bissen so genannter Kamelspinnen (vgl. Kirchhoff 1994: 12) verwiesen, die sich angesichts des Mordens im Land lächerlich ausnimmt. Zu denken ist auch an die immer wieder bekundeten Schmerzen des Erzählers ob eines Leistenbruchs, der sich bereits am ersten Tag in Somalia bemerkbar macht und zunehmend seine Bewegungsfreiheit einzuschränken droht (vgl. ebd.: 13, 20, 38, 50). Auch diese scheinen gegenüber dem Elend der Somalier unbedeutend, zumal wenn man bedenkt, dass sich der Erzähler schließlich ausfliegen lässt und in Deutschland zügig und ohne Komplikationen operiert wird. Dass er dabei in einem Krankenhaus landet, das ausgerechnet den gleichen Namen wie das Konzentrationslager Sachsenhausen trägt, dass man ihm zum Schreiben eine nichtbelegte Sterbekammer zur Verfügung stellt (vgl. ebd.: 8) und dass er dort von einer Krankenschwester betreut wird, die ihn über den Verlust eines Freundes mit religiösen Gedichten des Barockdichters Paul Gerhard (vgl. ebd.: 30, 35) und der Ermahnung "Jesus nicht vergessen" (ebd.: 60) zu trösten versucht, kann nicht als Zufall gelten. Hier verweist Kirchhoff darauf, dass auch in Deutschland etwa

9 Auf die Schwierigkeiten, genau zwischen den verschiedenen Genres der Reiseliteratur zu unterscheiden, wie sie immer wieder in der Reiseliteraturforschung betont werden (vgl. beispielsweise Heinritz 1998: 13 f.; Neuhaus 1997: 22f.; Brenner 1990), kann an dieser Stelle nicht eingegangen, sondern nur verwiesen werden.


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im Dreißigjährigen Krieg oder während des Dritten Reichs das Sterben eine alltägliche Sache war, und er erinnert an den hohen medizinischen Standard und die Ausgrenzung des Sterbens aus dem Leben - das Sterbezimmer steht leer. Kirchhoff leistet hier also mehr, als 'nur' durch den Verweis auf den Leistenbruch des Erzählers dem "Körper als Ort des Schmerzes - an meinem unbedeutenden Beispiel - eine Referenz zu verleihen, um so die Referenzlosigkeit jener unzähligen anderen, ungleich gequälteren Körper hervorzuheben" (Kirchhoff 1995: 144). Durch die Harmlosigkeit und Heilbarkeit seines Leidens im Gegensatz zur scheinbaren Heillosigkeit der somalischen Verhältnisse und durch den wiederholten Verweis auf die deutsche Geschichte vertieft er seinen Text zu einer komplexen Reflexion über die unterschiedlichen Realitäten des Todes und des Umgangs mit dem Sterben in Westeuropa und Afrika.10
Kirchhoff hat mit Herrenmenschlichkeit einen literarischen Bericht über den somalischen Bürgerkrieg vorgelegt, der sich in fünf Punkten von jeder journalistischen Reportage unterscheidet: Er hat unabhängig von einer Redaktion gearbeitet, er hat sich nicht darum bemüht, die Hintergründe des Krieges zu erklären, er hat sich von subjektiven Wahrnehmungen zu gewagten Thesen über den Sinn des UNO-Einsatzes verleiten lassen, er ist in seinem Bericht erklärtermaßen von der Wahrheit abgewichen und hat seine Erinnerungen deutlich literarisch gestaltet und symbolisch überformt. 11 Damit taugt Herrenmenschlichkeit natürlich

10 Insofern vermag es nicht zu überzeugen, wenn Nina Bermann Herrenmenschlichkeit in die Reihe früherer Kirchhoff-Texte, in denen der "Gestus der Selbstbespiegelung" (Bermann 1998: 223) im Mittelpunkt stand, nahtlos einreihen will. Denn hier zeigt sich - so richtig es ist, mit Bermann festzustellen, Kirchhoff gehe es "nicht so sehr um die Darstellung oder das Verstehen anderer Kulturen" -, dass es nicht zutrifft, Kirchhoff betrachte "in erster Linie" das Deutsche in der Fremde (ebd.: 222). Nicht das Deutsche, sondern die Relation zwischen beiden Lebensräumen und das Bemühen, dem fremden Schmerz durch Betrachtung der eigenen Welt eine Dimension zu geben, steht im Zentrum des Textes.
11 Herrenmenschlichkeit ist daher keineswegs bloß ein "Tagebuch", wie Nina Bermann angenommen hat. Tatsächlich ändern die "literarisierenden Einschübe aus der Zeit des Krankenhausaufenthaltes und des Italienurlaubes", anders als Bermann (1998: 240f.) glaubt, sehr viel, vor allem den Grundcharakter des Textes. Sie machen, in Verbindung mit den anderen genannten literarisierenden Strategien des Erzählers, aus dem Tagebuch einen durchkomponierten literarischen Text, von dem man nicht mehr erwarten kann, dass er als "authentischer Text, als Diskussionsbeitrag, der politische und historische Informationen enthält", funktioniert (ebd.).


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nicht zu einer im herkömmlichen Sinn historischen-politischen Erhellung der somalischen Verhältnisse. Wohl aber leistet das Buch neben vielen Momentaufnahmen der Kriegsrealität eine produktive Wiederbelebung der alten Frage, ob und inwieweit der helfende Eingriff von außen in eine fremde Kultur legitim sein kann, und ob überhaupt zu vermeiden ist, dass die überlegenen Helfer im weiteren Sinn als neue 'Herrenmenschen' erscheinen (vgl. Kirchhoff 1994: 53), die mit guten Absichten doch wieder kolonial handeln. Gleichzeitig gelingt es ihm dank der symbolischen Verdichtung des Textes, die grundlegende Verschiedenheit der Lebensverhältnisse in unserer technisierten Welt und im zerstörten Somalia anschaulich zu machen. Herrenmenschlichkeit ist am Ende nicht nur ein Bericht über Eindrücke aus Somalia und ein subjektiv begründetes kritisches Korrektiv der westlichen Selbstwahrnehmung, sondern eben auch gute Literatur, ein symbolisch komplexer Essay über den Tod und den Umgang mit ihm in verschiedenen Kulturen.

(...)


Der Autor
Johannes Birgfeld, M.A., geb. 1971, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere Deutsche Philologie und Literaturwissenschaft bei Prof. Dr. Manfred Engel an der Universität des Saarlandes. Arbeitsgebiete: Literatur der Aufklärung, Wiener Volkstheater, Literatur des 20. Jahrhunderts, deutsche Theatergeschichte, Krieg und Literatur, Gryphius, Klopstock, Franz Innenhofer, Peter Handke, Kerstin Hensel. Redaktion der Zeitschrift KulturPoetik.

Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlages
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