Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n

Cicero, Juni 2006









Abschied von der Macht


In: Cicero, Juni 2006
Seite 134-137



LITERATURSALON.
Er hatte Macht und Einfluss. Er lenkte als Wirtschaftstycoon
die Geschicke der Nation. Nun versucht sein Enkel, ihn zu einem Resümee zu bewegen.
Statt Grandeur allerdings sind die Rudimente eines ungelebten Lebens zu besichtigen.
Eine Erzählung

S. 134
So, und du bist also Jakob, sagte der Vater meiner Mutter (mir bis dahin nur aus Zeitung und Fernsehen bekannt) an seinem dreiundsechzigsten Geburtstag, als wir allein auf der Terrasse eines Sommerhauses standen, beneidenswert wie Haar und Hautfarbe des Hausherren, und wenige Stunden vor dessen Ende, dem Tod meines Großvaters (den ich nicht hatte verhindern wollen), unser erstes und letztes Gespräch begannen, während seine Tochter, also die Person, die ich ironischerweise gelegentlich Mutter nenne, und seine Frau, mit der ich auch verwandt bin, in Verona nach einem Geschenk für ihn suchten, obwohl er doch schon alles besaß und damit gleichsam hinter sich hatte, abgesehen von seinem Enkel, der vor ihm stand und dem umstrittenen Angehörigen nur hinter der Larve eines Camcorders entgegenzutreten vermochte, aus Gründen der Scheu oder Scham, schwer zu sagen, bestimmt jedoch, weil ich bis zu diesem strahlenden Julitag die Bewerbung an einer Filmhochschule vorhatte, um später, als Regisseur, eigene Filme zu drehen, womit man bekanntlich nicht früh genug anfangen kann.

Als ich dich zum letzten Mal vor mir sah, warst du gerade auf die Welt gekommen, bemerkte mein Gegenüber (den hier einfach als Großvater zu führen mir schwer fällt, wo er doch als solcher nie in Erscheinung getreten war), der mir persönlich völlig fremde Mann und Jubilar, den ich am besten bei seinem öffentlichen Beinamen (der Ausdruck Spitzname wäre zu harmlos) der Commandante nenne, sagte also, ich sei gerade auf die Welt gekommen, als er mich zum letzten Mal vor sich gesehen habe. Und mein Töchterchen, fuhr er auf dem Weg zum Swimmingpool fort, drängte mich, den jungen Großvater sogar, dass ich dich, den Enkel, im Krankenhauspark umhertrage, aber ich habe mich dem höflichst entzogen. Wer weiß, was passiert wäre.


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Womöglich hätte er mich fallen lassen oder mir, ohne Absicht, die Luft abgeschnitten, wollte ich in seinem Sinne erwidern, aber da machte der Commandante oder immer noch recht jugendliche Vater meiner Mutter in heller Leinenhose und einem Polohemd, schon eine weite Geste, die in die Gegenwart wies. Und jetzt bist du zum ersten Mal in diesem Haus am See, sagte er, mit achtzehn Jahren, während ich heute dreiundsechzig werde. Und wir zwei sind auch noch allein, weil die Damen in Verona ein Geschenk kaufen. Aber sie werden nichts finden. Weil ich schon alles habe (wie schon erwähnt). Und das meiste sogar doppelt, hier und in Frankfurt. Hatten wir uns in Frankfurt wirklich nie gesehen in diesen achtzehn Jahren? Man mag es kaum glauben, auch wenn ich viel unterwegs war. Als du auf die Welt kamst, hatte ich schon Sechzehnstundentage und war immer woanders.

Und trotzdem war ich einige Male - ich könnte das prüfen lassen - in eurem Ort, in Oberried. Ich habe sogar zweimal eine Tagung in die Nähe verlegt. Die Amerikaner lieben den Schwarzwald. Und einmal kam ich von Davos, vom Weltwirtschaftsforum. Aber irgendwie hat es meine Frau Tochter jedesmal verstanden, dass du immer gerade weg warst, im Internat oder im Kino. Oder ich war verhindert, wenn sie mit dir in Frankfurt auftauchte. Ohne ihren Mann, deinen Vater, den ich auch nur einmal gesehen habe. Trotzdem war ich gegen die Scheidung. Eine Scheidung hinterlässt immer Wunder, und wenn es Wunden im Bankkonto sind. Marianne und ich sind seit zweiundvierzig Jahren verheiratet. Wir waren nicht immer glücklich, aber immer ein Paar. Wir waren zusammen unglücklich.

Du nimmst alles auf, was ich hier sage? (Erst jetzt schien er den Camcorder vor meinem Gesicht zu bemerken.) Von mir


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aus, ich bin das gewohnt. Und Marianne kann damit leben; die Öffentlichkeit als Geliebte erträgt sie besser als jede Affäre, selbst die mit einer Fernsehmaus. Wir haben einen Pakt, der zählt mehr als das Glück - den Pakt, es hier, an diesem See, schön zu finden. Außerdem gibt es kein Recht auf Glück, wie es auch kein Recht auf die richtigen Lottozahlen gibt. Womit ich mich nicht der verbreiteten Meinung anschließe, dass jeder seines Glückes Schmied sei.

Es ist eine Schlacht, Jakob. Aber du kannst die Schlacht von einer gewissen Position aus führen und dabei mehr erreichen als andere, freilich auch mehr verlieren. Wie du weißt, habe ich zuletzt eine Niederlage erlitten, die größtmögliche in einem Leben, das auf Gelingen ausgerichtet war - um diese Tageszeit an meinem Geburtstag hätten normalerweise schon das Kanzleramt und zwanzig Vorstände angerufen. Die gemäßigten Gewerkschaftsführer und alle drei Parteivorsitzenden der Mitte. Doch selbst von Kirchenseite war bisher nichts zu hören, eine Folge des so genannten Samba-Skandals; und auch von den treuen Verbänden kein Wort. Nur ein paar Betriebsräte, die mir ihren dritten Frühling verdanken, haben sich gemeldet, das kannst du ruhig aufnehmen. Ein gutes Gerät?

Ja, sagte ich, das beste in seiner Preisklasse. Und er, während er die Temperatur des Pools ablas, vierundzwanzig Grad: Was dir vielleicht nicht bekannt ist, Lieber, weil meine Tochter es verschwiegen hat: Ich bin ebenfalls Scheidungskind, mal bei der Mutter, mal beim Vater aufgewachsen, gleich nach dem Krieg. Mein Vater war Offizier und wurde bei der Wiederbewaffnung erneut Offizier. Und da er auch für mich eine Militärlaufbahn ins Auge gefasst hatte, kam für ihn die große Enttäuschung, als ich, in den Wirren des Jahres achtundsechzig, in die Staaten ging und dort zuerst Papierblumen und später Eis verkaufte, also ganz und gar unmilitärische Dinge tat, die noch dazu eine weibliche Färbung hatten, wenn man mein damals langes Haar mit in Rechnung stellt.

Allerdings hatte mich mein Vater mit der Leidenschaft für schöne Autos angesteckt, und ein schönes Auto lässt sich schwerlich durch den Verkauf von Papierblumen am Times Square bezahlen. Also studierte ich zuerst in München und später, mit Stipendium, an der Columbia in New York, aber verbrachte die Ferien nicht im sonnigen Florida, sondern im düsteren Detroit, wo ich nach dem Abschluss und einer Lehrzeit gleich blieb. Es war das Jahr vierundsiebzig. Der erste Golf war auf dem Markt, und Coppola brachte den zweiten Teil des Paten ins Kino - du würdest dich für Film interessieren, erzählte mir deine Mutter -, der PC war noch graue Theorie, und vom Mobiltelefon konnte man noch nicht einmal träumen, während die neu erbauten Türme des World Trade Centers der Stadt New York scheinbar ihr endgültiges Gesicht gaben.

Und ich fing bei Ford an und wechselte Mitte der Achtziger nicht nur den Kontinent, sondern auch die Marke, eine Station, die mich mit der Politik in Berührung brachte und folglich mit den Medien, bis ich schließlich landete, wo ich immer hatte landen wollen, um zunächst die unternehmerische Philosophie auf den Kopf zu stellen, wie der alte Marx den guten Hegel, und dann den Vertrieb, was mir endgültig, in Verbindung mit meiner Vorliebe für italienische Lebensart, den militärischen und zugleich latinohaften Beinamen eintrug, obwohl ich nie gedient hatte und auch eher der stille Genießer bin - für meinen Vater leider eine zu späte Wendung. Er starb im Range eines Oberst, noch bevor ich erstmals in einer Glosse als Commandante auftauchte. Der Name machte seinen Weg, er eilte mir voraus, der Rest dürfte bekannt sein - fast wäre ein Gesetz auf den Namen benannt worden, umgangssprachlich war das sogar der Fall und ist es noch immer, wie man weiß. Und du bist also mein Enkel und willst einmal Regisseur werden, ja?

Ich nickte ihm zu, während er näher trat und für einen Moment das ganze Display füllte mit seinem Gesicht, an dem alles groß war, die Stirn, die Nase, die Augen, der Mund, bis hin zu einem uramerikanischen Kinn, das auf Karikaturen von ihm stets die Hauptrolle spielte oder gespielt hatte, ein Kinn mit Grübchen und weißen Bartstoppeln, die kein Rasierer erreichte, ein kleines Ensemble der Verwahrlosung, aber auch der Wahrhaftigkeit, im Gegensatz zu seinem schwarzbraunen Haar, das er angeblich per Gerichtsbeschluss - meine Mutter hielt mich in diesen Dingen auf dem Laufenden - vor übler Nachrede, nämlich der der Unechtheit, in Schutz genommen hatte.

Versuchen will ich's, erwiderte ich. Denn die Filmhochschulen haben strenge Aufnahmebedingungen, man muss schon ein interessantes Filmchen in der Tasche haben und einreichen. Aber ich bin in dem Punkt zuversichtlich.

Das heißt, du hast schon ein Filmchen? Der Commandante oder Vater meiner Mutter trat mit mir an eine Brüstung, von der aus man über den ganzen Ort Torri sehen konnte, mit einem kleinen, so genannten romantischen Hafen, in welchem sein Boot lag: ein unvorstellbares Privileg, dort einen Liegeplatz zu haben, wie er seiner Tochter und mir schon am Gartentor erzählt hatte. Oh, nein, sagte ich, es gebe noch nichts, und er zeigte auf den See: Wir beide könnten hinausfahren. Auf der anderen Seite, etwas nördlich bei den Felsen, sind die prächtigsten Motive. Oder welche Art Film schwebt dir vor?, fragte er direkt in den Camcorder, als hätte er sich schon damit abgefunden, den Enkel anderweitig nicht zu erreichen.

Natürlich hatte ich mir diese Frage auch selbst gestellt, aber nie so präzise und auf eine Antwort drängend, und schon gar nicht in der Mittagshitze. Dazu kam das Lärmen der Zikaden aus den Olivenbäumen auf dem Grundstück, ein unaufhörliches, fast hysterisches An- und Abschwellen, mit kurzen Pausen, einer gespenstischen Stille, in der es nur noch


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ein Geräusch gab: von den Fingern des Hausherren, der auf der Brüstung Klavier spielte, nervös wie die Zikaden, einer Brüstung, die um die Stämme der alten Bäume herumführte - Casa degli Olivi, Haus in den Oliven, hatte der Commandante sein Anwesen in beherrschender Lage über dem Ort mit einiger Zurückhaltung genannt. Er tat mir fast leid in diesen Pausen des Zikadenlärms, während sein Telefon auf dem Terrassentisch weiterhin still blieb und überhaupt sein Leben nur noch diesen zermürbenden Pausen glich und nicht mehr dem Aufruhr, wenn es wieder, hundertfach, losschrillte im Silberrauch der kleinen Blätter, als würde eine ganze Belegschaft auf sein Kommando hin an die Arbeit gehen.

Mir schwebe vor allem ein Film vor, der nicht viel kostet, sagte ich, als die Finger, auf die mein Camcorder gerichtet war, plötzlich innehielten. Nur ein einziger Schauplatz und höchstens zwei Schauspieler, als Requisit vielleicht eine Waffe, mehr nicht.

Eine Waffe! Lieber, die hab ich im Haus, rief der Vater meiner Mutter. Es gab Versuche, hier einzubrechen, und bei der Gefährdungsstufe, die für mich galt, war es kein Problem, an eine Pistole zu kommen. Eine Glock, wenn dir das etwas sagt, Kaliber vierzig. Wir könnten sie mit aufs Boot nehmen und vor den Felsen einen Schuss abgeben, dann hättest du ein interessantes Echo. Aber bedenke: Wenn am Anfang der Handlung ein Gewehr über dem Kamin hängt, sollte am Ende damit auch jemand erschossen werden - wer sagte das? Hitchcock? Wilder? Shaw? Irgendwer wird's schon gewesen sein, im Zweifelsfall war ich es gerade selber!



Der vorliegende Text ist das Anfangskapitel einer in diesen ersten,
warmen Maitagen begonnenen Novelle, deren Ende ich zwar schon
kenne oder zu kennen glaube, nicht aber den Weg, wie ich, erzählend,
dorthin komme; und ein altes Augenproblem macht die Versuchung, es
bei dem Anfang zu belassen, diesmal besonders groß, darum auch das
frühe Vorveröffentlichen: um bei der Stange gehalten zu werden.



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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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