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Der Freund Michael Päselt
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P u b l i k a t i o n e n
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Der Freund ist tot
Erstveröffentlichung
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Der Freund ist tot
Drei, vier vorläufige Seiten über meinen verstorbenen Internatsbruder Michael Päselt
Hier ist Michael – so hatte er sich immer überraschend gemeldet, alle ein bis zwei Jahre, in
letzter Zeit etwas öfter; und künftig nie mehr. Fast hätte ich vergessen, wie sich Trauer
anfühlt, Ratlosigkeit und Scham, bis mich diese Nachricht traf, von einer Mailbox, zufällig
abgehört in Italien. Michael ist gestorben. Ich habe gespürt, daß dieser Tod kommt, ich habe es seinem Atmen am Telefon entnommen, zuletzt im Juni, und es doch nicht glauben wollen, wie man den Tod eben unter den Teppich kehrt; ich wußte, daß ein Stück von mir mitsterben würde, nun ist es geschehen. Ich bin weniger am Leben als vorher, weil Michael Päselt tot ist, und andere sind es wohl ebenso.
Wir trauern um ihn, und wir trauern um uns, die wir ärmer geworden sind. Ich vermisse den
abwesendsten und zugleich anwesendsten meiner Freunde. Von keinem anderen habe ich so oft geträumt – und er auch von mir; einmal hat er es, mit einem Feuerzeug spielend, im Gesicht schon sehr mager, lachend erwähnt. Sein Lachen und das Feuerzeug, das gehörte zusammen, schon immer. Als wir uns zum ersten Mal sahen, bot er mir eine Zigarette an. Wir standen abends am Fenster von Zimmer neunzehn des Schlossheims in Gaienhofen am Bodensee, unserem Internat, und rauchten; er hat nie mehr damit aufgehört, wie er auch nie mehr damit aufgehört hat, der zu sein, der er schon damals war, ein Einzelgänger mit sechstem Sinn für die Nachtseiten des Lebens, aber auch einer, der hinter der Schönheit her war, bis zum Kitsch, und der die Dinge zu pflücken verstand, ein Jäger und Sammler. Er hat sich nicht verändert, wenn ich es richtig sehe, er hat das eigene Wesen aber immer mehr zugespitzt; sein scharfer Geist hat alles auseinander genommen, auch sich selbst - Michael war eine offene Wunde, über die er nicht sprach, eine Wunde, die nur selten geblutet hat. Und ohne sein Rauchen – vergessen wir das nicht - wäre er ein Fremder für sich selbst gewesen, und wer will das schon sein.

Michael Päselt: ohne Titel
Er war ein großer Leser, mit keinem habe ich mich so in fremden Geschichten verloren, die
Intellektuellen im Spanischen Bürgerkrieg waren unsere Helden, Sartre unser Gewissen; wir haben buchstäblich um die Wette gelesen, wir haben auch Tagebuch um die Wette geführt. Und viele Jahre später haben ihm meine Bücher einiges bedeutet, sein Lob war mir mehr Wert als das jedes Kritikers – auch wenn wir uns höchstens jedes dritte Jahr sahen, in irgendeinem Berliner Café, zuletzt im Einstein. Mehr war nicht nötig, denn alles war in uns, die Jahre von damals reichten für ein Leben; mit keinem anderen habe ich so viele Nächte in einem Zimmer verbracht. Er wollte immer einen Internatsroman von mir, über eine Jugend, die ihn nie losgelassen hat, ich habe gezögert und von später gesprochen.
Mit Michael starb mein geisterhafter Bruder, den es nach Berlin gezogen hat - auf unserer
Klassenfahrt (unter Leitung seines liebsten Feindes, Dr. Böhme) fing dieses Verhängnis an. Aber hätte man sich Michael in Freiburg oder Konstanz vorstellen können, als Neurologen mit Frau und Kindern? Damals gab es schon kein Zurück mehr; alles langsame Sterben war bereits in ihm, wie der melancholische Jazz, den er mir nahegebracht hat, oder die unvergeßlichen Schnulzen, die ich mir jeden Abend von seinem Tonband anhören durfte, von Una Lacrima Sul Viso bis Eve Of Destruction...
Michael Päselt: ohne Titel
Wie alle Gebrochenen war er ein Romantiker bis ins Mark. Die einzige ernstzunehmende
Bergbesteigung meines Lebens, die des Pico de Teide auf Teneriffa (der sogar dem unerschrockenen Humboldt einiges abverlangt hatte), habe ich mit Michael nach dem Abitur unternommen, in leichtester Kleidung, Schlappen an den Füßen, nur schlappgemacht haben wir nicht. Er hat mich die letzten Meter gezogen, über einen Sandkegel in schon dünner eisiger Luft, und hat dann den Sonnenaufgang über dem Meer und den Inseln fotografiert: denn das war er in seinem Herzen, das am zwanzigsten August 2005 stehen geblieben ist: ein großer Fotograf, ein Maler mit dem Auge, ein kühler Romantiker, der seine Gefühle zu verstecken wußte. Sein Leben bestand aus Legenden, und der reale, ungeschönte Teil hatte wechselnde Zeugen.
Michael Päselt: ohne Titel
Nach der Bergbesteigung war mein Zeuge Sein fast beendet, es gab nur noch einen Anlauf, nach meiner Militärzeit ein Sommersemester in Tübingen, bis ich nach Amerika floh, er sonst wohin - die Seelen blieben einander nahe. Er studierte dann Medizin und war der Freund meiner Schwester, lange Jahre; er lebte in Berlin vor sich hin, ich in Frankfurt. Erst über meine öffentliche Person kamen wir wieder in ein Gespräch: Ich war der, der in einem Buch unsere Jugend noch einmal hätte aufleben lassen können. Und tatsächlich ließen sich tausend und eine Geschichte erzählen von Besteigungen ganz anderer Art, unserer Schülerzeitungsschlacht, unserem Streiten für die Weltrevolution, unserem Streit untereinander; aber auch einer Fahrt zu einem wackeren Apothekerpaar, um die Schwangerschaft der Tochter zu gestehen, als hätten wir sie gemeinsam verursacht. Mit siebzehn wäre er fast Vater geworden, das Schicksal hat anders entschieden. Wir beide haben in einem römischen Kloster, Via Fratelli Bandiera 12, früh unsere Naivität verloren,
ich sage nicht Unschuld. Das ist ziemlich einmalig, ebenso wie das Leidenschaftliche unserer
getrennten Wege, unserer Träume voneinander. Und so wären diese Geschichten, zusammengenommen, der Roman einer tödlich heftigen Jugend: der eines großen frühen Geistesvagabunden, der Michael Päselt war, wie auch eines großen frühen Verführers, der nicht zuletzt sich selbst verführt hat (und keiner konnte ihn darin aufhalten, aber man hätte das öfter versuchen müssen).

Michael Päselt: ohne Titel
Er gehörte zu jenen großen Verborgenen, welche uns, die wir oft mit Geringerem in ein
zweifelhaftes Licht getreten sind, still beschämen. Nach seinem Tod schickte mir die Gefährtin
seiner letzten zwanzig Jahre – ich danke ihr auch auf diesem Weg – zwei Mappen mit Fotos und Dokumenten, darunter Fotos kurz vor seinem Ende, Stunden davor, und Minuten danach. Nie haben mich Zeugnisse dieser Art tiefer berührt. Da hat mir einer gezeigt, wie man stirbt, rauchend und lächelnd, mit einem Blick in die Sonne – die man üblicherweise so wenig ins Auge fassen kann wie den Tod, den dieser Mann gesucht hat. Sicher kann man vieles von seinem gescheiterten und doch gelungenen Heldenleben verstehen, doch es verbietet sich von selbst, ihm psychologisch beizukommen. Es bleibt nur der Roman, fürchte ich, eine Arbeit, die seine Arbeit zutage fördert.
In heller Trauer um den Freund, Bodo Kirchhoff.
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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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