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"Money for nothing and chicks for free", hieß die berühmte, selbstironische Schlüsselzeile eines Songs der Dire Straits: Geld für nichts und Mädchen umsonst! Damals, 1988, als die späteren Global Player in Sachen Geld in einer Pubertät waren, die vielleicht erst jetzt, nach dem globalen Aufwachschock, ihr Ende findet.
Aus der alten analogen Welt der Bedeutungen ist die digitale der Zeichen geworden, und wer darin aus nichts Geld machen kann, nennt sich, ohne jede Ironie, Master of the Universe. Unser Verstand, der die multimediale Gegenwart geschaffen hat und immer noch weiterentwickelt, sorgt dafür, dass wir in kindlichem Größenwahn verharren können, mit einem Minimum an Erwachsensein: Ist doch jedes Erwachsenwerden nur schmerzliche Bewältigung von Verlusten. Und wozu das anstreben inmitten eines Überflusses an brillanten Selbstbildern?
Der Einzelne als Star ist ein fester Bestandteil der Werbung - "Ich verändere die Welt", heißt im Augenblick eine sicher gutgemeinte Kampagne -, und jeder große TV-Sender zeigt schnellen Ruhm als Königsway of Life. Auf allen Produkten, auf allen Kanälen: große egozentrische Kinder, denen die Welt als Erweiterung ihrer selbst erscheint. Eine infantile Gesamtlage, ohne die es Banker nicht so leicht gehabt hätten, uns allen, einschließlich der Gesetzgeber, weiszumachen, sie könnten das ewige Leben des Geldes garantieren. Zehn Prozent Zinsen hätten, auf Dauer gesehen, die Unsterblichkeit bedeutet: Darin lag das Bestechende der Finanzprodukte, auf die so viele hereingefallen sind. Die Pleite oder der Tod schienen überwunden gewesen zu sein, und die jetzige Panik rührt wohl auch aus dem Begreifen unseres tatsächlichen menschliches Maßes.
Der Preis für die gesellschaftlich anerkannte allgemeine Infantilität, für den Star-Status eines jeden, ob bei YouTube oder als Ego-Shooter, ist das böse Erwachen. Die sogenannte Krise kam so unerwartet und brutal über uns wie der Amoklauf eines Schülers - keine Phantasie ist so verletzbar wie der Größenwahn. Wer sich selbst für riesig hält, aber von allen übersehen wird, kann nur mit Depression oder Wut reagieren. Erwachsen werden heißt eben nicht, immer größer zu werden, sondern im Grunde, immer mehr Einsicht in sein Maß zu bekommen, das eigene Kleinsein in der Welt anzunehmen; nur lässt sich damit kein Staat machen und schon gar nicht schnelles Geld. Erwachsensein hat wenig Glamour.
Die Sprache derer, die darauf hinweisen, dass wir nicht göttlich sein, ist eher unspektakulär, ob in Marc Aurels "Selbstbetrachtungen" oder Senecas Schrift "Von der Kürze des Lebens". Dagegen steht die aufgeblähte Sprache der Finanzzauberei und die unmenschliche der Videogames; bei der einen geht es um machbares Glück, bei der anderen um machbare Gewalt, um eigene Göttlichkeit. Das Erste ging dem weltweiten Kollaps voran, der die Grenzen materiellen Glücks aufzeigt; das Zweite einer lokalen Katastrophe, die unsere Unwissenheit über den anderen und damit über uns selbst offenbart, und das in Zeiten des Internet. Alle Informationen sind verfügbar, und dennoch wissen wir nichts - eine Kränkung, auf die das Fernsehen nach dem jüngsten Amoklauf sofort reagiert hat.
Wer die Bilder am Tag der Katastrophe von Winnenden mit denen von Erfurt vor sieben Jahren vergleicht, stellt etwas Erschreckendes fest: Seinerzeit wurden als prompte TV-Antwort noch weinende, sich in den Armen liegende, vor Schock stumme Jugendliche gezeigt; diesmal gab es auf allen Kanälen in den ersten Sendungen über das Geschehen plappernde Kids, dazu im Internet die Plattformen für Wichtigtuerei jeder Art samt Handy-Videos rund um das Grauen. Es gab keine 24 Stunden des Sprachlosseins, des erlebbaren Verlusts. Die Abwesenheit aller Erklärungen und scheinbar erklärender Bilder (wie das Foto des Täters, das gar nichts erklärt) hätte uns Unbeteiligten die Erschütterung gelassen, aus der man Lehren ziehen kann. Wenn uns heute die Zeit für Kommentare über eine solche Katastrophe aus unserer Mitte - Tim K. war ja nicht aus gänzlich anderem Holz als wir - schon nach wenigen Stunden davonläuft, muss das allgemeine Verhältnis zur Zeit tief gestört sein.
Menschlicher Gewinn, ob aus einer globalen Krise oder einem Amoklauf in der deutschen Provinz, droht auf der Strecke zu bleiben. Wer will schon wissen, wie infantil er war, wenn er an ein Leben ohne Verlust geglaubt hat. Das Ideal der Beschleunigung steht jedem vertieftem, durch Innehalten erreichtem Wissen im Weg. Unsere digitale Zeit hat die epische Zeit verdrängt (umso wichtiger jeder Roman, der sie noch hochhält). Statt Ironie gibt es Comedy oder im Feuilleton die Meinung aus der Hüfte. Das Coole hat den Charme abgelöst, das Gelächter das Lächeln, der Schnellschuss die Distanz, auch zu sich selbst.
In Wahrheit aber sind wir unendlich langsamer und auch von viel geringerer Durchschlagskraft als unsere Botschaften, und wer die Geschwindigkeit und Bedeutung der Zeichen, die er versendet, für sein eigenes Tempo oder die eigene Bedeutsamkeit hält, sollte eigentlich als verrückt gelten. Tut er aber nicht, da die meisten um ihn herum von derselben Krankheit befallen sind.
Der gesellschaftliche Konsens über die Beschleunigung von Erfolg, das Raffen von Lebenszeit, den Hier-und-jetzt-Ruhm des Einzelnen schafft das Klima für die Beibehaltung kindlicher Wahnideen, vom Geldmachen ohne Verlust bis zum Töten aus Spaß, bei dem der Verlust von Leben gar nicht begriffen wird. Es bleibt keine Zeit mehr für Fragen, es reicht nur noch für Antworten, für eine Action ohne Drehbuch - letztlich phantasielos.
Wer viel Zug fährt, kennt die Monotonie auf Laptop-Schirmen: fast nur Tabellen, gelegentlich ein Blockbuster. Zahlen ersetzen Buchstaben, fremde Bilder die Phantasie. Wir haben unser Vorstellungsvermögen delegiert und überlassen es anderen, sich die Liebe oder die Krise auszumalen; wir haben uns daran gewöhnt, Subjektivität preiszugeben und auf dem Flachbildschirm an der Wohnzimmerwand gestochen scharf wiederzufinden. Den meisten reichen solche Trostobjekte für ein Gefühl der Versöhnung mit einer Gesellschaft, die sich nicht für sie interessiert. Tim aus Winnenden haben sie nicht gereicht, nicht einmal in Form von Waffen.
Er konnte nur auf grauenhafte Art, im gezielten Exekutieren, für kurze Zeit die eigene umfassende Ohnmacht in Allmacht verwandeln. Sein Auftritt war ohne Worte, ein sprachloser Ausbruch, für den es nicht einmal selbst ein passendes Wort gibt, während die Expertenauftritte danach wortreich und fast druckreif waren. Die Opfer hatten noch nicht ihren Platz unter der Erde, da war man in TV-Runden schon rhetorisch auf der Höhe und lieferte die Kommentierungs-Performance zu einem Geschehen, das man allenfalls nach langer Beschäftigung mit dem lebenden Täter verstehen könnte. Jeder Amokläufer, der sich am Ende selbst richtet, macht Analysen der Experten zu Luftnummern.
Größenwahn und Hochstapelei sind aus demselben Stoff. Die Global-Banking-Player waren schönredende Hochstapler: Sie verstanden das eigene Geld-Esperanto nicht, und Politiker haben das Unverständliche nachgepfiffen und damit nobilitiert. Der Schriftsteller hat dafür ein feines Ohr, denn er ist selbst ein Hochstapler, nur bekommt er dafür gleich die Rechnung. Jedes Sichvortasten in einen Roman tut so, als sei da schon etwas: Man schreibt eine Seite und merkt beim Nachlesen, dass die meisten Sätze in der Luft hängen, löscht fast alles und fängt von vorn an. Wer allein auf Performance setzt - eigentlich ein Begriff aus der Linguistik: Performanz meint den sprachlichen Vollzug in einer außersprachlichen Realität, etwa vor einer TV-Kamera -, weiß immer nur, was man kurzfristig mit dem anderen macht: ihn auf die eigene Seite ziehen, ihn herumkriegen (oder im Extremfall töten); was man langfristig mit dem anderen soll, weiß er nicht.
Die Finanzkrise ist Teil einer Sozialisationskrise, eines menschlichen Substanzverlustes aus den letzten Jahrzehnten, angefacht durch die elektronische Revolution: einer Verwahrlosung auf hohem Niveau. Nicht etwa Spatzenhirne, wie so gern unterstellt wird, sind unser Problem, es sind die vielen Spatzenherzen.
Unsere Kinder haben längst drei Elternteile. Mutter, Vater und die Medien. Sie nehmen weit mehr auf, als wir aufgenommen haben, nur beansprucht alles Unwichtige dieselbe Aufmerksamkeit wie das Wichtige, im Prinzip nichts Neues, aber von den Bildmedien mit letzter Raffinesse ausgenutzt. Schon Blaise Pascal hatte bemerkt, dass man im selben Herzen die Empfänglichkeit für die geringsten Dinge hat (sich den größten Schrott reinzieht) und eine seltsame Umempfänglichkeit für die größten Dinge, dass der Mensch "ohne Unruhe und Erregung weiß, dass er durch den Tod alles verlieren wird". In "Größe und Elend des Menschen" spricht Pascal von einer übernatürlichen Betaubung, die auf eine allmächtige Gewalt hinweist, die sie verursacht - wäre er unser Zeitgenosse, käme er nicht umhin, diese Gewalt hier auf Erden zu sehen, nämlich in der allumfassenden Unterhaltung, die selbst eine Weltkrise aufsaugt: zu einem Teil ihres Programms.
Die menschgemachte Betäubung, die uns immer weniger unterscheiden lässt zwischen Nichtigem und Wichtigem, ist die eigentliche Ursache unseres großen bösen Erwachens.
Vielleicht kein schlechter Moment für Schriftsteller, die im Idealfall Wachrüttler und Antipoden geistiger Betäubung sind. Jeder Käufer eines Buchs (tatsächlich meist eine Käuferin) ist gewissermaßen ein neuer Anleger: ein Anleger in Fiktion, die durch begriffenes Leben gedeckt ist. Der größtmögliche Schaden, der entstehen kann, wären 20 oder 30 herausgeschmissene Euro für einen Roman, der einem nichts gibt.
Sollte sich aber auch in diesem Bereich Größenwahn durchsetzen, sollte es Schule machen, so zu schreiben, wie man spricht, und damit das Plappern zur Form erhoben werden, dann könnte freilich jeder, dem es noch ernst ist mit Schreiben, einpacken. Die zunehmende Verwischung von Spielerei und Ernsthaftigkeit, der Triumph des sofort Erkennbaren, entzieht allem Langfristigen den Boden.
Unsere nicht fassbare Existenz, die ewige Frage: Warum bin ich, ausgerechnet ich, hier und jetzt, und nicht ein anderer mit anderem Schicksal auf der Welt, hat der Sprache noch bis vor kurzem, bis zur geistigen Globalisierung durch das Internet, den Stempel des Ernsten aufgedrückt; eine um sich greifende Sprache - in Wort und Bild - ohne diesen Stempel, nämlich das allgemeingültige Plappern, wäre ein größenwahnsinniges Sichtaubstellen gegenüber der Existenz, das seinen Preis hätte. Und unsere Weltfinanzkrise mit ihrem hohen Preis wäre dann nur Vorbote einer umfassenden Zwangsvollstreckung in Sachen Ethik.
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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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