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P u b l i k a t i o n e n
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Liebe - trotz allem
Romanautor Bodo Kirchhoff über den besonderen Reiz der Frauen um 50
In: BUNTE 25/2004, 09.06.2004
Seite 49
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"Das Weibliche hat mit Substanz zu tun. Es entsteht nicht im Fitnessstudio, es wächst mit den Jahren"
Meine Frau wird in diesem Jahr 52. Als wir uns kennen lernten, war sie 24, so wütend jung wie der Hund, mit dem sie damals durch Frankfurt zog. Sie hat im berüchtigten Bahnhofsviertel mit drei anderen Frauen in einer Wohngemeinschaft gelebt, sich dort bis tief in die Nacht Zigaretten gedreht (und stets das Papier hinreißend angeleckt), dazu viel Bier getrunken und die Werke des alten Freud in einer Raubdruckausgabe gelesen. Ihr Gang war
kerzengerade, vor nichts und niemandem hatte sie Angst, schon gar nicht vor der Polizei, und wenn sie gelegentlich ein Messer nach mir warf, zielte sie nie unterhalb der Gürtellinie. Und doch: Würde mir ein launischer Gott die Möglichkeit geben, ihre Zeit noch einmal zurückzudrehen, während die eigene stehen bliebe - und ihr vielleicht sogar einhauchen, sie müsste mich, den Mittfünfziger, aufregend finden -, so stieße er, meinerseits, auf entschiedene Ablehnung. Warum?
Die Antwort bedarf eines kleinen Umwegs. Als ich das Drehbuch zu "Mein letzter Film" schrieb, der Geschichte einer nicht mehr jungen Schauspielerin, die von ihren Männern und dem Prominentenleben genug hat, vor laufender Kamera abrechnet und dabei ihren Koffer packt (und für mich bereits feststand, wer diese Rolle spielen müsste), kam ich an einer Stelle auf die Lebenserfahrung meiner Heldin und ließ sie zu ihrem Mann und langjährigen Regisseur sagen: "Jede wirklich gute Szene verdankst du mir. Wir hatten sie gemeinsam erlebt, aber nur ich habe ihre Wahrheit gerettet: weil ich sie für uns beide durchlitt. Habe ich je dafür die Hand aufgehalten? Nein. Was aber war dann der Lohn? Die Gage, die Bekanntheit, Privilegien? Oder ist es am Ende meine Lebenserfahrung? Muss ich mich glücklich schätzen, diesen Reichtum in mir zu wissen? Dann gäb's da nur eine offene Frage: Ist die Lebenserfahrung einer Frau sexy?"
Hier brach die Passage ab. Von meiner Seite blieb die Frage offen, denn die Antwort wäre nicht klar ausgefallen; sie wäre auf ein "Ja, aber" hinausgelaufen, und das "aber" hätte sich auf die ganze Wucht von weiblicher Lebenserfahrung bezogen, auf die Sprache einer unumkehrbar erwachsenen Frau, die so tödlich wie ein Messer sein kann (und nur so lange sexy ist, bis sie uns trifft).
Doch ich hatte die Rechnung ohne die Wirtin gemacht, den Text ohne die Schauspielerin. Während der Filmarbeiten, als die zitierte Stelle innerhalb eines Takes von mehr als zehn Minuten, also ohne Schnitt, gedreht wurde, nahm sich Hannelore Elsner die Freiheit, meine offene Frage mit einem schlichten Ja zu beantworten, wenn auch mit mindestens einem Ausrufezeichen: "Ist die Lebenserfahrung einer Frau sexy? - Ja!" Und man muss den Film schon gesehen haben, um die intime Antwort zu verstehen, den Triumph, der seinen Preis hat, der eben nicht verhehlt, dass Erfahrung auch gelebte Jahre sind: Ruhe in den Augen statt Glut, ein sachtes Hinzutreten von Vernunft, auch wenn sie sich jederzeit wieder zurückziehen kann - ich habe das mehrfach erleben dürfen.
Zu den Bildern, die kein Camcorder festzuhalten vermag, weil das Beglückende jenseits aller Pixel liegt, zählen die wilden Tänze von Hannelore Elsner und meiner Frau in den Morgenstunden irgendwelcher Geburtstagsfeiern, verbunden mit einer runden Zahl, die aber keinerlei Rolle mehr spielte, allenfalls die einer Kupplerin zwischen den beiden, die keineswegs jung an Jahren sind, während die an Jahren jungen staunend in der Ecke standen, die meisten eher spröde als sprühend, noch auf der Schwelle zu einem Eros, den die Älteren nach vielen süßen und nach vielen bitteren Nächten ganz einfach in sich tragen: nicht allein als Besitz, auch als Dorn und Last.
Männer - wir wissen es alle - führen sich im Zusammenhang mit runden Geburtstagen ja oft am Ende und fragen sich nicht einmal wovon; Frauen fühlen sich dagegen häufig am Anfang und geben mit sich selbst eine Antwort: Sie sind der Anfang, was es einem Gleichaltrigen in Endzeitstimmung nicht gerade leichter macht.
Mit einer jüngeren Frau zu schlafen mag für uns Ältere also eine gewisse Erholung bedeuten. Und zudem glauben wir, noch ein Stück Zeit wiederzufinden, bis uns der eigene zu hohe Herzschlag an die Gegenwart gemahnt. Mit einer Frau zu schlafen, deren Jahrzehnte auch die eigenen sind, die genau weiß, was sie tut, wenn sie's denn tut, empfinde ich dagegen als Ausdruck eines gemeinsamen Lasters, nämlich den des Liebens. Und im Übrigen gilt: Knackig sollte ein Apfel sein und scharf ein Rasiermesser. Für eine Frau aber, denke ich, wäre das Attribut "weiblich" kein Schaden, aber dazu muss sie schon einiges auf dem Kerbholz haben. Und wer das nicht will, "wer ein Weibchen sucht", wie die Schauspielerin Marie in "Mein letzter Film" sagt, "der muss in den Zoo gehen".
Das Weibliche hat für mein Gefühl - wie auch das Männliche - mit Substanz zu tun. Es entsteht nicht im Fitnessstudio, es wächst mit den Jahren. Und das geborene Weib ist ein Mythos, auch wenn uns die Umgangssprache etwas anderes vormachen will, sie kennt ja darüber hinaus nur noch junge und alte Weiber. Ich plädiere für eine weitere Kategorie: für das gescheite Weib um die 50, ohne die Lust der Jungen, ohne den Missmut der Alten; stattdessen Freude im Bett und außerhalb Skepsis. Ich bleibe also dabei, dass nur in der Balance zwischen zwei Liebenden - vor allem der Balance von Erfahrung - Eros und Sprache zusammenkommen. Das Laster besteht nicht in gemeinsamen Leibesübungen des einen und anderen fitten Partners, sondern im unerwarteten Verschmelzen zweier Geschichten, die schon fünfzig Jahre andauern, zu einem einzigen gemeinsamen Augenblick.
In einem Erzählkurs, Eros und Sprache, den ich zusammen mit meiner Frau zweimal im Jahr in unserem Haus am Gardasee veranstalte, geht es genau um diese flüchtigen Augenblicke, die Sie nur erzählend halten können. Und letztlich gibt es dafür nur weibliche Sprache, die Sprache von Frauen, die oft auf Jahrzehnte des Liebens zurückblicken können, ohne den Blick nach vorn aufgegeben zu haben, im Gegenteil: Sehenden Auges nach vorn zu schauen, nämlich trotz allem zu lieben, scheint mir die große Kunst dieser Frauen zu sein, auch der meinen.
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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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