Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Uraufführung im Hessischen Landestheater Marburg;
15. Mai 2005,  Inszenierung: Ekkehard Dennewitz.

CORNELIA CORDES
Uta Eisold

MARLIES KAHLE-ZENK
Antonia Schnauber
 
SOPHIE KRESSNITZ
Juliane Beier

HEIDE STUBENRAUCH
Christine Reinhardt

HOLGER STUBENRAUCH
Jürgen Helmut Keuchel

DR. ROMAN BRANZGER
Thomas Streibig

ROLF C. PIRSICH
Peter Meyer
 
KARSTEN GRAF
Daniel Kuschewski

LEO STERN
Jochen Nötzelmann

DZIMBALLA
Bernd Kruse

 
INSZENIERUNG/
AUSSTATTUNG
Ekkehard Dennewitz

DRAMATURGIE
Annelene Scherbaum

REGIEASSISTENZ
Rachel Altmann
 
SOUFFLAGE
Bernd Kruse




"Es kommt selten vor, dass ein Fernsehspiel so rasch für die Bühne adaptiert wird. Doch wer vor ein paar Monaten auf »arte« die prominent besetzte Produktion »Die Konferenz« nach dem Drehbuch von Bodo Kirchhoff gesehen hat, dem war sofort klar: Dieses Werk gehört unbedingt ins Theater. Ekkehard Dennewitz, rühriger Intendant des Hessischen Landestheaters Marburg, reagierte prompt und sicherte sich von dem in Frankfurt lebenden Autor die Bühnenrechte. Und die Uraufführung von der »Lehrernacht«, so der Titel des exzellenten Stücks, am Pfingstsonntag im Theater am Schwanhof kann sich wahrlich sehen lassen."

Marion Schwarzmann, Gießener Allgemeine.




"Die Uraufführung des Stückes "Lehrernacht" von Bodo Kirchhoff, inszeniert von Ekkehard Dennewitz, wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. Im Fernsehen lief der Stoff bereits unter dem Titel "Die Konferenz"; Dennewitz bewies jetzt, dass er auch bühnentauglich ist."

Klaus J. Frahm, Gießener Anzeiger.




"Nein, in der "Lehrernacht" geht es nur um die Lehrer selbst. Der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff verfasste das Stück "Lehrernacht" 2003 als Drehbuch, der Stoff fand seinen Weg ins Fernsehen ("Die Konferenz"), auf die Bühne und schließlich in einen Roman. Das Hessische Landestheater Marburg zeigte die "Lehrernacht" nun in einer Inszenierung von Intendant Ekkehard Dennewitz.
Im viel zu kalten Hölderlin-Gymnasium treffen sich neun fröstelnde Lehrer und schon diese Kälte ist deutliches Symbol der sozialen Kälte im Kollegium. Was als schnelles Plenum beginnt, endet im Desaster. Die neun Lehrer verlassen am Ende genervt und jeder um eine Lebensbeichte erleichtert das Zimmer. Hervorragend gelingt es Dennewitz und den neun Schauspielern, diese Lehrer-Typen zu etablieren, wobei kein Charakter der deutschen Lehrerlandschaft ausgelassen wird: Der Alt-68er mit dem Vanelle-Tabak (Helmut Keuchel), der Gigolo aus der Toskana-Fraktion (Jochen Nötzelmann), der konservative Korrekte in Schlips und Weste (Peter Meyer), der oberflächliche, körperbetonte Sportlehrer (Daniel Kuschewski), die esoterisch angehauchte und politisch äußerst korrekte Frau Stubenrauch und nicht zuletzt der weise, fast erhabene Lehrer Branzger (Thomas Streibig), der von Beginn an auf der Seite des Schülers steht und eine Vergewaltigung kategorisch ausschließt. "Lehrernacht" lebt nicht vom großen dramatischen Bogen, sondern von den leicht überspitzten Charakteren und der vergifteten Atmosphäre unter den Lehrern. Die große Spannung wird durch ein Dutzend Mikrospannungen ersetzt, die Konferenz wird zu einer Art Therapie für alle Beteiligten."

André Hille; Marburger Neue Zeitung





An einem kalten Winternachmittag versammeln sich neun Lehrer im Besprechungsraum ihres Gymnasiums. Eine schwere Aufgabe steht ihnen bevor: Einer ihrer Schüler, Viktor Leysen, vor kurzem volljährig geworden, wird von der Mutter seiner Mitschülerin Tizia beschuldigt, er habe die Siebzehnjährige vergewaltigt. Nach der gemeinsamen Theaterprobe in der Schule soll es passiert sein. Aussage steht gegen Aussage. Ein Teil der Lehrer sieht in Viktor den aufmüpfigen Querulanten, der öfter durch unangemessenes Verhalten gegenüber Lehrern und Mitschülern aufgefallen sei. Anderen Lehrern gilt er als ausgezeichneter Schüler, aufgeweckt und intelligent, einer, von denen man gerne mehr hätte.
Ausgehend von dieser schweren Entscheidung, die das Lehrerkollegium unbedingt an diesem Tag fällen muss, begegnen sich zehn Menschen in einem geschlossenen Raum in einer nie erlebten Art und Weise. Alte Schulden, Verletzungen, Tabus, Hass und Liebe brechen auf und machen eine rationale Entscheidung fast unmöglich. Ein Schuldrama, das die menschliche Erscheinungsform "Lehrer" in den Mittelpunkt stellt.



Am 04.02.2005 brachte ARTE (20.45 Uhr) in einer Erstausstrahlung den
Fernsehfilm "Die Konferenz", nach dem Drehbuch von Bodo Kirchhoff (Arbeitstitel: "Lehrernacht"). Regie: Niki Stein.




P u b l i k a t i o n e n

Cover "Lehrernacht"





Lehrernacht
Drehbuch

S. Fischer Verlag
Frankfurt am Main 2004
ISBN 3-999-03165-4

Leseprobe

01. Innen. Tag. Besprechungsraum im ersten Stock eines alten Schulgebäudes; zwei Türen, die eine weit offen mit Blick ins Treppenhaus; die andere halb offen mit Blick auf Lehrmittel.

Der Raum wird beherrscht von einem rechteckigen Tisch mit neun Stühlen unter milchigem Deckenlicht; weder den Tisch noch die Stühle noch die Beleuchtung möchte man in seiner Wohnung haben.
Auf dem Tisch nichts als ein Laptop mit etwas Klebeband am Deckel; auf dem Band ein Stempel, "Rolf C. Pirsich, O. Stud. Rat."

Weiteres Mobiliar sind ein Metallregal mit Fachzeitschriften und als Wandschmuck drei Stadtansichten von Frankfurt am Main, vor dem Krieg, nach dem Krieg und heute - sowie eine Zimmerpflanze, passend zur Stille im Raum. Der kurze Vorspann läuft.

Plötzlich hohle Klopfgeräusche. Der Raum hat zwei Heizkörper, aus denen die Geräusche dringen. Über den Heizkörpern zwei Fenster zur Straße - man sieht Schneeflocken im schon nachlassenden Tageslicht.


02. Innen. Tag. Heizungskeller, Kessel und Rohre. Inmitten der Rohre ein hagerer Mann von der Sorte, die in sich hineinlächelt, sobald das Leben sie prüft. Er trägt einen grauen Anzug mit Krawatte, preiswert aber korrekt, und ist Hausmeister eines Gymnasiums - Gebieter über Schlüssel und Lehrmittel, die Cafeteria, das Heizsystem und den Parkplatz, über alles wirklich Wichtige.

Herr Zimballa, 48, führt Schläge gegen eine rostige Schraube; am Boden ein Werkzeugkasten und ein neues Rohrstück. Die Schraube ist für Zimballa ein Gegner, den man bezwingen muss.
Der Hausmeister zeiht ein Handy aus der Tasche und wirft einen Blick auf die Zeitanzeige: sechzehn Uhr dreißig. Er legt das Handy auf dem Werkzeugkasten ab und macht sich erneut an die Schraube.

ZIMBALLA: (keuchend zur Schraube) Dich krieg ich rum!


03. Innen. Tag. Besprechungsraum; aus den Heizkörpern das Klopfen. Auch die andere Tür jetzt weit auf - Blick in den verwinkelten Lehrmittelraum der Schule. Zwischen den Regalen ein stämmiger Mann vor einem betagten Fernseher, dessen wacklige Bildzeile er einzustellen versucht - es ist der Besitzer des Laptops mit dem Namensstempel.

Rolf C. Pirsich, 47 - Oberstudienrat, verheiratet, kinderlos, und auch von weitem schon als Besserwisser zu erkennen.
Seine Fächer sind Chemie und Biologie und folglich auch die Sexualkunde - die ihm das Gefühl gibt, in kniffligen Fragen besonders sachverständig zu sein: Ein Mann, der liebend gern mehr wäre, als er ist, zum Beispiel der ewige Protokollführer in Konferenzen, bewaffnet mit seinem Laptop; und so schreibt er seit Jahren an einem Lehrer-Roman und hängt sich an jeden, von dem er sich Beifall erhofft, wie von dem Kollegen, der jetzt, im gefütterten Trench, ein Handy am Ohr, den Besprechungsraum betritt und ihm nur kurz zunickt, nämlich:

Leo Stern, 55, ein Mann mit mehreren Gesichtern, am wenigsten dem eines Lehrers für Deutsch und Geschichte. Stern ist aus einem aufklärerischen Drang heraus Lehrer geworden - und träumt von einer Abitursfahrt nach Israel, die er wegen der Unruhen von Jahr zu Jahr verschieben muss; und so hat sein Drang nachgelassen, wie auch eine andere Leidenschaft, das Schlagzeugspielen - geblieben sind nervöse Finger auf der Tischkante und eine allgemeine Bitterkeit.

Während Rolf C. Pirsich (dem das C im Namen den Doktortitel ersetzt) im Hintergrund noch die Programme des betagten Fernsehers durchgeht, steht Leo Stern in seinem schönen Mantel an einem der Fenster des Raumes - die nervösen Finger auf dem Heizkörper mit den Klopfgeräuschen aus dem Keller - und telefoniert leise.
Stern schaut dabei auf die Straße hinunter - wo sich ein japanischer Kleinwagen, Zweisitzer, der Schule nähert.

STERN: (ins Handy) Ach - wir frieren hier... (greift tiefer an die Heizung, hört kurz zu, dann leise:) Nein, man kann so was nicht im Café besprechen... (sieht, wie der Zweisitzer vor die Schule fährt - trommelt mit den Fingern auf der Heizung) Du, da geht's um die Existenz.


04. Außen. Tag. Straße vor altem Schulgebäude. Vereinzelte Schneeflocken im Wind; es ist kalt - und sieht nach weiterem Schnee aus.

Der zweisitzige japanische Wagen, sympathisch verschmutzt, fährt auf einen privilegierten Parkplatz am Schuleingang und hält neben einer polierten Familienkutsche mit zwei Kindersitzen. An der Hauswand vor der Kutsche ein geprägtes Namensschild, "M.Kahle-Zenk", und vor dem japanischen Zweisitzer ein Schild, auf dem "C.Cordes" steht.

Cornelia Cordes, 56, die Fahrerin des Wagens, steigt aus. Sie trägt einen Lammfellmantel - man sieht, dass ihr die Kälte zu schaffen macht, es ist nicht ihr Klima. Eine Frau, die sich nach Wärme sehnt, attraktiv trotz ihrer Jahre, auch wenn sie nicht mehr recht weiß, wohin damit. Sie geht zum nahen Haupteingang und betritt - wie eine Inschrift zeigt - das "Hölderlin-Gymnasium".


05. Innen. Tag. Foyer und Lehrertrakt des alten Gymnasiums; trübes Licht, nur das Geräusch von Absätzen auf dem Steinboden.

Frau Cordes auf dem Weg in ihr Büro; sie ist die Rektorin der Schule, mit den Fächern Deutsch und Französisch; die Arbeit ist ihr Leben, jedenfalls verbreitet sie gern diesen Eindruck, seit ihr Mann vor einigen Jahren gestorben ist. Eine Frau, die zwar Wert auf ihre weibliche Wirkung legt, sich aber den Folgen gern entzieht.
Seit einer Affäre mit einem Kollegen (Leo Stern) ist sie vor allem darauf bedacht, nicht verletzt zu werden - und auch aus der bevorstehenden Konferenz mit heiler Haut hervorzugehen.
Cornelia Cordes öffnet den Mantel im Gehen; ihre Kleidung darunter ist streng-elegant, wie für ein geistliches Konzert. Sie kommt zu eienr offenen Tür mit einer kleinen Tafel daneben, "Marlies Kahle-Zenk, stellver. Rektorin", und wirft eine Blick in den Raum.

Wir sehen eine Büro mit Schreibtisch und Besucherstuhl und einer großen Pinntafel; vor der Tafel, mit dem Rücken zu uns, eine brünette, schlanke Frau in Stiefeln und einer Ski-Jacke.

CORNELIA: (im Gehen) Du - kommst du noch kurz zu mir...

MARLIES: (aus dem Büro, off) Ja!


06. Innen. Tag. Büro der stellvertretenden Rektorin. Auf dem Schreibtisch und der Ablage eines kleinen Waschbeckens mit Spiegel einige persönliche Dinge wie Vasen, Tassen und Tauchsieder oder Kamm und Bürste, so zweitklassig wie die ganze Einrichtung - Dinge, die zu Hause offenbar entbehrlich waren, hier aber wichtig sind, wichtig für:

Marlies Kahle-Zenk, 46. Sie unterrichtet in der Oberstufe Mathematik und Physik, ist späte Mutter zweier Kinder - und hat unter älteren Schülern die nicht sehr freundliche Abkürzung "Ka-Zet".

Noch immer steht sie vor der magnetischen Pinntafel mit den Namensschildchen und gruppiert dort die neun Beteiligten der Klassenkonferenz um einen imaginären Tisch - zwei Plätze stehen schon fest: am einen Kopfende, bei der Tür zum Lehrmittelraum, sitzt Cornelia Cordes, am anderen sie selbst. Plötzlich hält sie inne - und tritt vor das Waschbecken mit dem Spiegel, sieht sich an.
Etwas Hartes geht von ihr aus - Schutz um einen weichen Kern -, eine auferlegte Disziplin, die ihr zur Zeit, mitten in einer Ehekrise, kaum weiterhilft; würde sie auf ihr Äußeres mehr Wert legen, könnte sie mühelos Punkte machen - bei ihrem Lächeln, ihrem Blick -, doch Marlies verschanzt sich hinter Praktischem und Logischem, um als Frau ihren Kopf über Wasser zu halten, daher wohl auch die Krise...


07. Innen. Tag. Besprechungsraum. Leo Stern, noch das Handy am Ohr, setzt sich in seinem schönen Mantel an den Platz rechts vom Kopfende (um später Nachbar von Cornelia Cordes zu sein) und sieht, während er halblaut telefoniert, in den Lehrmittelraum zu Rolf C. Pirsich - der weiter mit dem Fernseher befasst ist.

STERN (ins Handy) Keine Ahnung, wie lang das dauert, muss nur heut entschieden werden... (leise, unter dem Blick von Pirsich) Und wenn sich in der Wohnungssache was tut, ruf hier an.

Stern hört noch kurz zu, trommelt dabei auf der Tischkante - und sieht zu einer jungen Kollegin, die zur Tür hereinkommt:

Sophie Kressnitz, 28, ein aparter Paradiesvogel, so eigen wie empflndlich. Sie unterrichtet Kunst und Musik, vor allem aber leitet sie die Theater-AG und probt gerade den "Sommernachtstraum"; von der letzten Probe existiert ein Video, das sie den Kolleginnen und Kollegen zeigen will. Für Sophie (die wir beim Vornamen nennen wie auch die übrigen Frauen, im Unterschied zu den männlichen Personen) ist jede Theaterbühne, selbst die kleinest, ein Ort der Wahrheit.

In einer beneidenswert schönen Strickjacke mit einem Kragen, der ihr Haar umschließt, in der Hand die Video-Kassette, geht Sophie, an den Fenstern entlang und damit an Stern vorbei, durch den Raum.

STERN: (Sophie hinterher, freundlich) He...

Sophie ignoriert Stern; sie geht zu Pirsich in den angrenzenden Raum.


08. Innen. Tag. Lehrmittelraum. Der Eindruck des Labyrinthischen entsteht durch die Gänge zwischen den hohen gefüllten Regalen, die von alten Rechnern bis zu präparierten Vögeln alles enthalten, was den Unterricht am Gymnasium anschaulicher und zugleich überholter machen könnte. Nichts erscheint einem neu oder nach letztem Stand, schon gar nicht der Videorecorder, den Sophie - unter den Blicken von Herrn Pirsich - in Augenschein nimmt.

SOPHIE: Der geht doch, oder?

PIRSICH: Ja, Frau Kressnitz. Aber nicht mal   i c h   kenn mich damit aus. Wozu brauchen Sie ihn?

SOPHIE: (zeigt die Kassette) Ein Band von der Theaterprobe. Da sind beide drauf. In  
e i n e r   Szene. (zeigt auf das Gerät) Sie kennen sich doch mit allem aus...

PIRSICH: (schnell) Haben Sie mich in dieser Sendung gesehen?! Die haben mich reingelegt, mit der Frage - ich war schon bei Zehntausend Euro, da...

SOPHIE: (unterbricht) Wissen Sie denn,   w e r   sich auskennt, Herr Pirsich?

Pirsich sieht, dass er keine Chance hat mit seiner Story. Er wendet den Blick von Sophie und schaut in den Besprechungsraum:
Dort erscheint jetzt ein Paar, beide Mitte Fünfzig - der Mann mit grauem Haarbusch wie ein Königspudel, dazu Jeans und ein alarmierender Anorak plus Rucksack; die Frau im Daunenmantel.

PIRSICH: (off) Nur der Zimballa. Und der ist bei der Heizung.

(....)
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des S. Fischer Verlages sowie des Autors

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