Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Der Principale, wie man ihn allgemein in Anspielung auf seine italienischen Sitten und Unsitten nennt, erlebt den ersten Geburtstag seit langem ohne Öffentlichkeit: Er ist über eine Affäre gestolpert und wurde gestürzt. Ein Mann, der viel Einfluß hatte und nur aus Machenschaften bestand, entdeckt nach dem Karriereknick, daß er Frau und Tochter hat und einen achtzehnjährigen Enkel, den er jetzt kennenlernt. Gemeinsam mit dem Enkel fährt er im Boot auf den größten italienischen See hinaus – ein idyllisch beginnender Ausfl ug mit dramatischem Höhepunkt. Der Junge filmt den Mann, nach dem ganze Gesetze benannt sind, er braucht eine Talentprobe, denn er will später Filme machen. Der Prinzipal, kameragewohnt, läßt seiner Verbitterung freien Lauf, bis er mitten auf dem See schwimmen geht. Der allein gelassene Enkel beobachtet in der Ferne den Sturz einer Kitesurferin aufs Wasser; mit dem Boot eilt er dem Mädchen zu Hilfe. Er holt die Bewußtlose an Bord, eine verletzte Schönheit, bis etwas geschieht,
das allen Selbstschutz aufbricht. Doch der vom Schwimmen zurückgekehrte
Prinzipal bereinigt die Situation mit kaltblütiger Routine.



 


P u b l i k a t i o n e n




Der Prinzipal


1. Auflage 2007
Frankfurter Verlagsanstalt
Frankfurt am Main 2007
128 Seiten
ISBN 3-627-00139-7

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Leseprobe

Ein Tag im Spätsommer am größten oberitalienischen See, dort, wo er sich nach Süden weitet; ein Garten mit Olivenbäumen. Endloses Tönen zweier Zikaden in der Stille über einem Ort mit steinernem Uhrturm und blassroten Schindeln, mit Zypressen wie Federkiele vor zittrigem Wasser, ein Haus in bevorzugter Lage. Auf der Terrasse ein Mann in dunkler Hose, barfuß, man sieht ihn kraftvoll einen Korken ziehen, erst von hinten, dann von der Seite, vermutlich der Hausherr. Er riecht am Korken, Falten auf der Stirn, die sich gleich wieder glätten, in den Augen ein Blitzen von der Sorte So bin ich; und auf einmal erkennt man ihn oder meint ihn zu erkennen, der kleine Schreck ist derselbe. Mit Schritten, als hätte er Schuhe an, geht er ins Haus und kommt mit zwei Gläsern zurück, während in der Türscheibe eine Gestalt auftaucht, weites T-Shirt, helle Shorts, Gesicht halb verdeckt von einem Camcorder.
So, und du bist also mein Enkel, sagt der barfüßige Mann, nachdem er beide Gläser mit Wein gefüllt hat. Dann trink mit mir auf meinen Vierundsechzigsten! Aber der Enkel lehnt ab, ein Nein ohne Danke; er trinkt nicht, er filmt nur, immer wieder den See, in einem schon blendenden, keineswegs freundlichen Dunst, dazwischen den blühenden Garten und einen
Pool, beneidenswert wie Haar und Figur des Hausherrn - der jetzt mit Blick in das Gerät allein auf sein Wohl trinkt, einen Blick, an den man sich noch erinnert (leicht amüsiert, stets auf der Lauer). Mein lieber Enkel trinkt also nicht, ruft er lachend, wie meine Frau Tochter, die mit ihrer Mutter an diesem Tag natürlich Einkäufe machen muß, damit ich am Abend noch etwas zum Auspacken habe. Aber immerhin sind wir beide dadurch allein - wann haben wir uns zuletzt gesehen, war es die Firmung?
Ja, wahrscheinlich, hört man den Enkel sagen, der Stimme nach ein Halbwüchsiger oder schon junger Mann, mit gutem Auge für die Umgebung, man sieht das Profil des Großvaters, dahinter den See mit einem Berg auf der anderen Seite, die steile Flanke über dem Dunst, ein kalkulierter Ausschnitt. Vier, fünf Sekunden lang nur dieses Bild, bis einem auffällt,
dass die felsige Kuppe des Berges auch ein Profil ergibt, das eines schlafenden Mannes in Rückenlage, dem Hausherrn mit seiner Nase, seinem Kinn gar nicht unähnlich, ein Gedanke, den man nicht weiter verfolgen kann, denn der Gefilmte macht sich auf den Weg zum Pool. Als ich dich zum ersten Mal vor mir sah, warst du gerade auf die Welt gekommen, sagt er im Gehen. Und die gute Tochter drängte mich, den jungen Großvater, dass ich dich, den
Enkel, im Krankenhauspark umhertrage, aber ich habe mich dem höflichst entzogen - wer weiß, was passiert wäre. Und dann gab es ja diese Begegnung anlässlich deiner Taufe mit dem Essen, das ich arrangiert habe, im Parkhotel Adler. Und ein weiteres Essen anlässlich deiner Firmung. Und heute bist du zum ersten Mal hier, und wir sind auch noch unter uns. Und sonst hatten wir uns nie gesehen in diesen achtzehn Jahren? Ich glaube, einmal in Mailand noch oder war das mit Marianne, deiner Großmutter, die sich mit diesem Wort etwas schwer tut? Tatsache ist: Als du auf die Welt kamst, hatte ich schon Sechzehnstundentage. Und doch war ich einige Male - ich könnte das prüfen lassen - in eurem Ort mit der schönen Barockkirche. Ich habe sogar zweimal eine Tagung in die Nähe verlegt, die Amerikaner lieben den Schwarzwald. Nur hat es die Frau Tochter stets einzurichten gewusst, dass du immer gerade fort warst. Oder ich war verhindert, wenn sie mit dir auftauchte, ohne deinen Vater, den ich auch kaum gesehen habe. Und trotzdem war ich gegen die Scheidung. Eine Scheidung hinterlässt immer Wunden, und wenn es Wunden im Bankkonto sind. Marianne und ich waren in unseren vielen Jahren nicht immer glücklich zusammen, aber doch immer ein Paar. Wir waren zusammen unglücklich. Und heute haben wir einen Pakt, der zählt mehr als das Glück, den Pakt, es hier, an diesem See, schön zu finden. Und das mit Recht, wie man sieht.




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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis der Frankfurter Verlagsanstalt sowie des Autors

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