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"Ich spürte außer mir nichts: das war immer schon so und störte mich auch. Wenn es um den Menschen an sich ging, konnte ich eben schlecht mitreden; ich dachte dabei gleich an mich und zog falsche Schlüsse. Und so wurde es mein Ziel, mich wenigstens ein einziges Mal in einen anderen hineinzuversetzen. Durch einen Vulkanausbruch in Kolumbien, der eine Schlammlawine auslöste, ergab sich die Gelegenheit. Das Fernsehen machte mich mit Olmayra Sanchez bekannt, die aus einem Wasserloch schaute und unter den Blicken der Welt über Tage hin starb."
Bodo Kirchhoff: Olmayra Sanchez und ich. In: Ferne Frauen.
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S e k u n d ä r l i t e r a t u r
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Literarische Postmoderne und ihre Diskurse im Spannungsfeld empirischer Rezeption
Am Beispiel von Bodo Kirchhoffs Erzählung 'Olmayra Sánchez und ich' und ihrer Rekonstruktion durch Schüler im Literaturunterricht
1. Problemaufriß: Literarische Postmoderne und ihre Diskurse im Spannungsfeld empirischer Rezeption
Die sinnentleerte zeitgenössische Arbeitswelt, die nicht weniger sinnentleerte und durch Massenkommunikation dominierte Freizeit und die kaum noch wahrnehmbare politisch-literarische Öffentlichkeit werden in zahlreichen Texten der Postmoderne thematisiert. Diese Beispiele lebensweltlicher Konkretion geraten dabei oft zum zitierten Indiz eines essayistisch andernorts verkündeten Satzes. Literatur, Verschriftlichung, Erinnerung avancieren so zu autonomen Werten an sich, zu letztmöglichen Super-Diskursen. Die dichterische Imagination, wiewohl aufmerksame und präzise weltzugewandte Beobachterin, genügt sich selbst im eigenen ästhetischen Raum, in dem sie 'sich selbst betrachtend' aufgeht. In den postmodernen Texten wird der materielle Spielraum ästhetischen Ausdrucks trotz der Variation und der Ausweitung einbezogener alltäglicher und literarischer Darstellungsmuster enger, weil der Unterschied zwischen spielerischer Formzitierung, Formabwandlung und 'eigener', 'subjektiver' Intention mehr und mehr verschwindet. Der die postmodernen Texte kennzeichnende extreme Leserbezug scheint dabei eine Art letzter Utopie zu sein: eine Kontaktnahme zwischen 'Subjekten', die ihre Subjektlosigkeit erfahren, in einem Kontakt, der die Unmöglichkeit zwischenmenschlicher Kommunikation 'als Kommunikation' erfahren läßt.
Die Literaturwissenschaft hat auf die fortgeschrittenen Darstellungskalküle der Literatursprache mit der Intertextualitätstheorie, mit der Diskursanalyse und mit dem Versuch einer Poetik postmoderner Texte reagiert. Sie hat benützte Traditionen und Quellen in philologischer Detailarbeit rekonstruiert und Bedeutungen, Funktionen und vor allem Legitimationen dieser Rückbezüge zu bestimmen versucht. So nimmt sie die Herausforderung durch diese literarischen Texte an, die den Status von fiktionaler Distanz zur Alltagswelt bis zum äußersten usurpieren. Die Hausforderung liegt in der aufzuwerfenden Frage nach der diesen Texten adäquaten Praxis des Textumgangs, vielleicht sogar nach der ihnen korrespondieren kulturellen Praxis, die das von den Texten indizierte Fremde und Andere ausdrückt, umsetzt oder als Reflexion in der Schwebe hält. Postmoderne Texte sollten dazu auch empirisch untersucht werden, um ihre Wirkung konkret zu beschreiben und um durch möglichst freien Umgang mit diesen Texten die von ihnen in Anspruch genommenen Kategorien der Fremde und des Anderen (d.h. der Distanz vom Alltag) als Reflexionsmoment in der Alltagspraxis von Lesern (hier: Schülern) kritisch zu überprüfen.
2. Das Text-Beispiel: Bodo Kirchhoffs Erzählung 'Olmayra Sánchez und ich'
In der Nacht des Mittwochs, des 13. November 1985, explodiert in Kolumbien der Vulkan Nevado del Ruiz. Der Explosion folgen mehrere Schlammlawinen aus Wasser, Asche und Felsbrocken, sogenannte Lahars, die mit 100 km/h-Geschwindigkeit zu Tal stürzen und alles unter sich begraben: Häuser, Bäume, Autos, Vieh und Menschen. Am meisten betroffen ist die 50 km entfernte Stadt Armero (20 000 Einwohner), die praktisch dem Erdboden gleichgemacht wird. Insgesamt kommen ca. 25 000 Menschen um bei diesem bisher schwersten Vulkanausbruch der Geschichte, fast ebensoviele werden obdachlos. Der Sachschaden geht in die Milliarden. Die Tageszeitungen melden das Unglück zum ersten Mal am Freitag, dem 15. November 1985, und geben bereits Spendenkonten sowie auch erste Spendenergebnisse bekannt. Internationale Helfertrupps treffen ein, werden aber in einigen Fällen sogar wieder ausgewiesen, weil die Kolumbianer sich selbst helfen wollen oder die Aufdeckung eigener organisatorischer Fehler befürchten. Das Wochenende des 16. und 17. November steht im Zeichen von Fernsehberichten über Einzelschicksale, besonders über das der 12jährigen Olmayra Sánchez, die bis zum Hals in einem Schlammloch steckt und 60 Stunden lang, bis zum Samstagmorgen, um ihr Leben kämpft. Dann stirbt sie vor laufenden Filmkameras und eingeschalteten Richtmikrofonen sozusagen in Gegenwart der Weltöffentlichkeit.
Die Medien ermöglichen eine imaginäre Teilhabe in einer extremen Situation, ohne daß aus dieser technisch ermöglichten Ko-Präsenz Handlungsmöglichkeiten erwachsen. Es spricht viel dafür, daß die durch die Medien vermittelten Eindrücke nur mehr oberflächlich verarbeitet werden und pure Schaulust befriedigt wird, die Gier nach Sensationen, für die die letzten Stunden der Olmayra ausgenutzt werden. Der Zunahme an Information, an weltweiter Öffentlichkeit und an simultaner Ko-Präsenz entspricht dann linear die Abnahme an ethischer Teilhabe, an Menschlichkeit und an humaner Verarbeitung von Zeitgeschehen. Der hier durch die Medien ausgebildete Habitus entspricht dem überindividuellen Typus von Krisenmanagement. Er 'gerinnt' im Fernsehen, das sinnliche Eindrücke potenziert, die in ihrer Verarbeitung distanziert und wieder 'entsinnlicht' werden müssen.
Was kann in dieser konkreten politischen und 'medialen' Situation der Mitte der 80er Jahre Literatur leisten? Kirchhoffs Ich-Erzählung berichtet von einem teilnahmslosen Mann, der vom Schicksal Olmayra Sánchez durch das Fernsehen und später durch Zeitung und Illustrierte erfährt. Nachdem die Ereignisse vorüber sind, versetzt er sich nochmals in sie hinein und in ihr Erleben der 60 Stunden im Schlammloch. Er schildert anschaulich diese ihre leidvollen Tage und die noch grauenvolleren Nächte.
Die erste Wirkung dieser Erzählung besteht in der Vergegenwärtigung und in der Wiedererinnerung, also in der uralten Funktion der Literatur als Bewahrung von Leiden und als Erinnerung an die Opfer der Geschichte. Übernimmt aber Kirchhoffs Text diese Funktion tatsächlich und ungebrochen? Ergeben sich nicht spezifische Effekte durch die Differenz zu massenmedialen Kon-Texten? Und vor allem: wie wird Kirchhoffs Text durch eine möglichst selbstbestimmte Rezeption erfahren und bewertet?
Die Beantwortung dieser Fragen verlangen nach der Durchführung und der Auswertung eines empirischen Handlungsforschungsprojekts. Dabei schwebt mir vor, Schüler im Literaturunterricht den Produktionsprozeß des Autors schreibend nachvollziehen zu lassen. Ziel ist, daß sie Kirchhoffs Text als Fachleute im vollen Besitz der Faktenlage genau lesen, um die Realitätsmodellierung der Fiktion adäquat einschätzen zu können.
Doch zunächst zum Versuch einer kurzen eigenen Interpretationsskizze.1 Die ersten drei Absätze der Erzählung sind stetig anwachsende, das Geschehen jeweils vollständig auf ihre Weise zusammenfassende Textsorten: der erste eine kurze Tagebuchnotiz, der zweite eine Bildbeschreibung des Fotos von Olmayra, der dritte schon personale Erzählung. Dreimal nimmt das Ich (in den ersten drei Sätzen und in den ersten drei Absätzen) Anlauf, ehe auf Seite 9 in persönlicher Perspektive eine Art Nacherzählung der letzten Tage von Olmayra anhebt, bis zu den abrupt vor ihrem Tod abbrechenden drei Sätzen, die die identifikatorische Illusion wieder zerstören. Dies geschieht besonders durch das "Durchdenken" und das abgestrittene Mitleiden sowie durch das Zerreißen des Fotos, die doch so viel Vergegenwärtigung bewirkt hatten.
bodo Kirchhoff reduziert bei seiner literarischen Arbeit die Katastrophe auf genau das Einzelschicksal, das auch die Medien in den Mittelpunkt gestellt haben: auf das 'anschauliche' Sterbensleid von Olmayra. Das Ich gibt sogar zu, in seiner Egozentrik durch das Fernsehen auf Olmayra hingewiesen worden zu sein. Aber danach (und immer noch geleitet durch die elektronischen Bilder) wendet es sich den Zeitungen und den Illustrierten zu (1. Absatz).
Kirchhoff stützt sich ab dem vierten Absatz (also seit dieser Entfaltung des Medienmtoivs) fast wörtlich auf die Reportage von Friedrich Kassebeer 'Fast schon Haß auf Gott',2 die auch in der Jahresrückschau von Heinrich Albertz3 ausführlich zitiert wird. Bei Kirchhoff handelt es sich also im zentralen vergegenwärtigenden Nacherzählungsteil um eine textgeleitete, sekundäre Wiedererinnerung an die Reportage, nicht an die unmittelbare Wirklichkeit selbst. Das ist wichtig für die später zu entfaltende Argumentation, daß diese mediale 'Vermittlung' wesentlicher Kritikpunkt bei Kirchhoff ist, aber in gewissem Maß sich auch als 'unhintergehbar' erweist, wie sich hier zeigt.
In der Reportage Kassebeers stehen wichtige und anschauliche Einzelheiten, die der Verallgemeinerung durch die Fiktion offensichtlich zum Opfer fallen müssen, wie Olmayras Mathematikprüfung und ihre den Reportern gegebene Anweisung: "Gehen Sie ausruhen und kommen Sie zurück, um mich herauszuholen." Die Reporter zeigen überdies in der Reportage Kassebeers die entscheidenden menschlichen Regungen des Weinens und des wuterfüllten Hasses. Kassebeer zitiert ihren Bericht aus der Zeitung 'El Tiempo': "Wir gingen weinend weg, wütend, fast mit Haß auf Gott, auf die Menschen und auf die Natur." Die Reporter bieten auch konkrete Hilfe an (nämlich die Motorpumpe zu beschaffen), nicht bloß abstrakt - wie bei Kirchhoff - "Hilfe" (Seite 14). Zusätzlich wacht nachts bei Olmayra der junge Mann, der sie als erster gesehen hatte, und versucht, sie durch Lieder die ganze Nacht wachzuhalten. Kirchhoff kappt diese solidarische Perspektive ersatzlos; die Hilfeleistungen werden anonym und ablehnend registriert, Olmayra wird durch sie noch mehr zur leidenden Kreatur herabgewürdigt. Kirchhoff gestaltet Olmayras Nächte aus als absolute, sich steigernde Einsamkeit ohne jede Hilfe oder menschliche Unterstützung und Präsenz. Deswegen ist es in seinem Text eine Nacht mehr, so daß bei ihm Olmayra (wenn überhaupt, der Text bricht ja ab) am Sonntag stirbt.4 Im Sinne dieser Gestaltungsabsichten versteht es sich, daß Kirchhoffs Fernsehleute technik- und medienbesessene brutale und gefühllose Zeitgenossen sind, die Olmayra demütigen und schmerzen, ohne daß sie es merkt (im Gegenteil hat sie noch Schuldgefühle). Sie sind weit entfernt vom einfühlsamen ethischen Räsonnement ihrer kolumbianischen Presse-Kollegen, die Gott, die Natur und die Menschen gleichermaßen anklagen und Olmayra zu helfen versuchen. Gar nicht mehr beschreibbar ist ide Entfernung zu dem jungen Mann, der auch in der Nacht bei Olmayra bleibt, um ihre Widerstandskraft wachzuhalten. Das durch ihn verkörperte Modell von selbstloser Hilfe steht im Zentrum von Albertz' Versuch einer christlichen Sinngebung für das grauenvolle Geschehen.
All diese Linien möglichen humanen Handelns, die im Stoff der Vorlage mitenthalten sind, aber sicher bereits in der Berichterstattung durch die elektronischen Medien ausgefiltert worden sind, werden auch bei Kirchhoff planmäßig eliminiert. Wenn auch Kirchhoff sich damit gegenüber der 'tatsächlichen' Wirklichkeit ähnlich distanziert verhält wie die von ihm kritisierten Medien, so muß man ihm eine völlig andersartige Intention zugute halten: der Leser soll durch diese Provokation bis zum äußersten aktiviert werden, so daß er positive und konstruktive Handlungs- und Sinnperspektiven imaginiert, 'in den Text einspeist' und selber in seiner eigenen Praxis umsetzt. Das ist die eine mögliche Erklärung für diese radikale literarische Strategie und zugleich ihre Legitimation.
Die andere liegt darin, daß durch Kirchhoffs Provokation gar nichts ausgespart oder provozierend offengelassen wird, sondern daß es sich bei seiner intentionalen Perspektivierung um eine bewußte Setzung, um die Errichtung eines absolut pessimistischen Weltentwurfs handelt. 'Olmayra Sánchez' würde dann nur das Material für eine weitere Version von Kirchhoffs Motiv der Kontaktsperre bzw. des isolierten Getrenntseins abgeben. Olmayra wäre die weibliche leidende Protagonistin dieses Entwurfs.5 Kirchhoff hätte ähnlich wie die gescholtenen Medien selbst Realität und Menschen ausgebeutet für seine Weltsicht.
3. Rekonstruktion der Erzählung durch Schüler im Literaturunterricht
Die Schüler beschäftigen sich in der ersten Phase des Unterrichts mit einem Dossier aus kopierten Agenturmeldungen und einem zweiten Dossier aus kopierten Reportagen und Hintergrundanalysen.6 Neben der Vergegenwärtigung des blanken Stoffes - des Zeitgerüstes und der wichtigsten Fakten - ist die erste Schreibaufgabe hierbei, einen Kommentar anzufertigen. Dabei sollen die Schüler die erhaltenen Informationen sondieren und gewichten, bewerten und einen Bezug zum Leser herstellen. Über die bloße Information hinaus ermöglilcht der Kommentar eine persönliche Stellungnahme zu dem einschneidenden Weltgeschehen, die die subjektive Betroffenheit ausdrückt oder / und eigenes Engagement erkennen läßt.
Judith schreibt:
Die Sensationslust ist wieder ein Stück befriedigt. Zeitungsberichte werden nur noch
überflogen; andere Dinge nehmen von uns Besitz. Neue Sensationen lassen die von
gestern schnell vergessen. Überlesen werden wichtige Details, die uns zum Nachden-
ken bewegen könnten, was aber m.E. zweifellos zur eigenen Person führt, zur Person
als Individuum, aber einer Gemeinschaft; und das führt zu unangenehmen Punkten,
denen wir lieber ausweichen möchten. [...] Es nützt nichts mehr, die Kolumbianer
darauf aufmerksam zu machen, was sie versäumt haben. Das ist eigentlich nicht der
Sinn der Medien. Doch wer ändert schon sein Verhalten durch so etwas? [...] Das
Wichtigste an den Berichten, daß sie uns mahnen sollen, erkennen wir nicht. Und
selbst wenn - ist es dann nicht sehr unbequem?
Judiths Kommentar ist ebenso radikal-einseitig wie entschieden: ihr geht es um die "(eigene) Person als Individuum, aber einer Gemeinschaft". Zur "eigenen Person" und gerade nicht zur Gesellschaft führen überlesene "wichtige Details" (Judith hat die Dossiers genau gelesen und könnte hier z.B. das Abschalten der Meßgeräte meinen). Auffällig ist die Denkbewegung vom politisch-gesellschaftlichen Rahmen zum individuellen Einzelfall (und zur "Gemeinschaft"), die im literarischen Text wiederkehren wird. Judith sieht bei der Darstellung (ihres) persönlichen Engagements von umgreifenden sozio-ökonomischen Bedingungen ab und entwirft ihr eigenes Handeln weitgehend davon losgelöst. Sie ist durch die Vergegenwärtigung des Unglücks in den Medien zu einer eigenständigen Positionsbildung gelangt und hat diese als persönlliche Stellungnahme und als Appell in ihren Kommentar eingebracht. Judith reflektiert (wie später der Text) unsere Situation als Medienkonsument, gewinnt dem Geschehen die Notwendigkeit moralischer Maximen ab und stellt konkrete Konsequenzen für das eigene Handeln dar.
In diesem Kontext wird eine weitere - fiktionale - Vorstufe zum Text von Kirchhoff erschrieben, und zwar der Tagebucheintrag des Fotoreporters, der Olmayra im Schlammloch fotografiert hat. Ziel ist hierbei, die ganz persönliche, erlebnishafte Verarbeitung des furchtbaren Geschehens einzufangen, aber auch etwas über den Konflikt zwischen Mediendarstellung und tatsächlicher humaner Teilnahme zu erfahren.
Bedeutsamer für die Herausbildung eigener Positionen scheint mir jedoch die komprimierte Argumentation bei Severin:
Auch heute hat sich bei mir nichts geändert. Diese belastenden Schuldgefühle, dem
Mädchen doch irgendwie helfen zu wollen, aber nicht zu können, bedrückt mich seit
Tagen. Auf eigenen Wunsch haben wir Bilder von ihr gemacht, doch war das richtig?
Das Mädchen wollte in aller Welt auf ihr Schicksal aufmerksam machen, aber stand
bei uns Reportern nicht in Wirklichkeit die reine Sensationsgier im Vordergrund?
Mehr und mehr festigt sich dieser Gedanke bei mir. Verändert hat sich danach aber
wenig. Auch heute suchte ich wie in den letzten Tagen nach ähnlichen Schreckensbil-
dern oder Stories, weil das meine Aufgabe ist. Doch auf der anderen Seite wirft das
bei mir die Frage auf, ob es nicht besser wäre zu helfen, statt zu warten bis der nächste
Mensch in den Schlammassen umkommt. Die Sache mit dem Mädchen und ihrem
Schicksal hat einiges durcheinandergeworfen, vor allem in meinem Inneren, doch wird
sich nichts an meinem Alltag ändern. Ich kriege schon wieder ein schlechtes Gewissen,
wenn ich daran denke, morgen wieder erbarmungslos nach Stories zu suchen, um dann
wieder abends mit dem schlechten Gewissen zu hadern. Ich werde diese Geschichte
noch länger mit mir herumtragen, doch ändern wird sich nichts. Und das einzige, was
bei mir zurückbleibt, ist die Erinnerung. Aber sie ändert nichts an dem Rhythmus,
erst zu fotografieren und dann zu fragen und dann erst vielleicht Hilfe zu leisten.
Severin stellt im Vorgriff auf den literarischen Text fest, daß sich am Verhalten des Reporters trotz Nachdenken und Erinnerung wohl "nichts ändern" wird. Severin erklärt im Unterrichtsdiskurs, daß er in seinem Text in die Rolle des Reporters schlüpft und dadurch zur Kritik an desse Verhalten aufrufen will. Indem er von dessen unausweichlichen "Rhythmus" spricht, macht er verinnerlichte sozio-ökonomische Zwänge deutlich, denen sich der einzelne nicht mehr entziehen kann. Während Judith auf die moralische Verantwortung des Individuums abhebt, liegt bei Severin eine eher soziale Sichtweise vor.
Die beiden Schreibleistungen vor der Textrezeption haben dazu geführt, daß die Schüler die dem literarischen Text zugrundeliegenden Sachverhalte sich vergegenwärtigen und in ihren Texten verarbeiten. Sie wurden zu eigenen Positionsbildungen - zur kritischen Distanznahme zum Mediengeschehen, zur Innensicht von sozialen Zwängen und zur Formulierung moralisch-ethischer Appelle - und damit zur Ausformulierung ihres rezeptiven Erwartungshorizonts provoziert.
Erst danach erhalten die Schüler den literarischen Text selbst. Sie sollen ihn schriftlich interpretieren und zu ihm Stellung nehmen, wobei sie ihre Vorarbeiten einbringen.
Christian hebt bei seiner Textanalyse im Unterrichtsgespräch auf die inneren Widersprüche zwischen Text-Intention und -Durchführung ab:
dafür daß er sagt daß er sich in diese Person hineinversetzen möchte / ist der Text
eigentlich recht trocken / es wird eigentlich nur sachlich geschildert was mit der Ol-
mayra passiert / aber im Endeffekt ist da keine Stellungnahme / kein Gefühl oder so
drinne / wie er sich vorstellt wie sie denken könnte / z.B. hinsichtlich des Todes / bei
ihm ist ja nur sachlich wartend / aber ich nehme an / daß so'n kleines Kind / so her-
anwachsendes Mädchen doch sicher auch irgendwelche Gefühle haben wird / und daß
er da versucht sich tatsächlich reinzuversetzen / und das hatte ich eigentlich gedacht /
daß er das versuchen würde
Ohne ihn begrifflich zu benennen, charakterisiert Christian den 'objektiven' Blick des teilnahmslosen genauen Beobachters, dessen exakte Vergegenwärtigung sich auf die literarische Technik beschränkt. Hinter diesem formalen Konzept verbirgt sich eine tieferliegende Intention, die man als 'Erinnerung ohne Anteilnahme' beschreiben könnte. Während dies Verfahren innerliterarisch als Neu-Schreiben von Versionen in einem Super-Diskurs gelten kann, fällt es in lebenspraktischen Verstehenszusammenhängen der Kritik anheim.
Judith geht bei der schriftlichen Zusammenfassung der entpragmatisierenden, distanzierenden und zugleich provozierenden Textintention noch eine Schritt weiter:
M.E. liegt die Aussage von Kirchhoff am Schluß. Seine Geschichte bereitet gewisser-
maßen das Ende vor, damit der richtige Effekt erzielt wird. Er schildert die Geschichte
sehr gefühlsbetont und mitleiderregend, und erst wenn man an das Ende gelangt, steht
man als Leser hilflos dem abrupten Ende gegenüber. Bei mehrmaligem Lesen wird
dann deutlich, daß der Leser eigentlich nur "in die Falle" gelockt werden soll, indem
Mitleid erregt wird, und zwar auf die Art und Weise, wie es tagtäglich passiert, wenn
man Zeitungsberichte über Katastrophen liest. Doch genau das scheint nicht genug
und ist es auch nicht. Man meint, mit dem Mitleid wäre es genug der Beachtung, und
gerade diese Illusion soll uns die Erzählung nehmen. Meiner Meinung nach ist dieses
stilistische Mittel, plötzlich, scheinbar im Höhepunkt abzubrechen, mal eine andere
Art der Kritik. Doch nur der aufmerksame Leser mag sie erkennen, für den anderen
bleibt nur das Offensichtliche: die Kritik am Fernsehen und der Mangel richtigen
Mitleids. Doch die tiefe Bedeutung, daß zwar oberflächliches Mitleid leichter zu er-
reichen ist, es jedoch dabei bleibt, wird den wenigsten deutlich.
Judith dringt hier in tiefe Bedeutungsdimensionen des Textes vor. Zugleich argumentiert sie von der Rezeption und der real unterschiedlichen Deutungskompetenz der Leser aus. Das von ihr erkannte stilistische Mittel wird nur von den wenigsten erkannt werden. Wie zu Anfang ihrer Textrezeption charakterisiert sie den Text als zu verschlüsselt, zu rätselhaft und letztlich skandalös offen (ohne dies jedoch auszuführen) - wenn auch nur für ungeübte Leser, zu denen sie nicht - jetzt nicht mehr - gehört. Damit hat sie ihre Kritik verschoben und nicht weiter ausgefaltet. Über die Kritik ist sie allerdings zu tiefem Textverstehen gelangt.
Der Unterricht hat durch die Bewußtmachungsprozesse des Schreibens diesen Tatbestand verdeutlichen können. Durch das aktive Schreiben sind Teil-Intentionen des Textes realisiert worden: Gegensteuern zur anonymisierenden Funktion der Medien, die uns voneinander abschneiden, statt selbständiges Handeln zu ermöglichen. In ganz skizzenhaften Versuchen ist auch die Kritik des Textes geleistet worden, der eben mehrere konträre Intentionen enthält: Die Schüler haben die innere Widersprüchlichkeit seines Verhältnisses zu seinem eigenen - durch die Verarbeitung 'aufgebrauchten' - Stoff erkannt. Außerdem haben sie die Problematik des literarisch verschlüsselten Leserbezugs herausgestellt, der geübte Leser voraussetzt. Hierdurch und durch die anderen Rezeptionsleistungen haben sie sich eine wichtige Distanz zum literarischen Text geschaffen, die sie zu selbständigem literarischem Urteil auch gegenüber diesen ästhetisch hochentwickelten Texten in die Lage versetzt.
Gerhard Rupp
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1 Vgl. den Text der Erzählung als erste der elf Erzählungen des Bandes 'Ferne Frauen'. Frankfurt: Suhrkamp 1987, S. 7-17.
2 erschienen in der 'Süddeutschen Zeitung' am 18. November 1985 auf der Seite 3.
3 erschienen in der 'Zeit' vom 27. Dezember 1985.
4 Kirchhoffs Erzählung hat eine ungleichgewichtige Zeitstruktur. Für Mittwochnacht und den Donnerstag mit den ersten Schmerzensleiden Olmayras sowie für die Darstellung der gefühllosen Medienleute, die Olmayras Situation ausbeuten und ihr zusätzliche Qualen zufügen, wird der Hauptteil der Erzählung von Seite 9 / 2. Absatz bis Seite 15, siebtletzte Zeile benötigt. Der Freitag wird summarisch dargestellt von Seite 15 unten bis Seite 16 Mitte. Der Samstag nimmt nur noch eine halbe Seite ein: Seite 16 Mitte ("Tag graut") bis Seite 16 letzte Zeile ("schwarze Masse der Nacht"). Danach folgt das offene Ende. Nach Kirchhoff hat Olmayra demnach noch den ganzen Samstag erlebt sowie wahrscheinlich auch noch die Nacht sowie den Sonntagmorgen. Der Text läßt das offen. Er akzentuiert die qualvollen Nächte und 'längt' sie. Nach Kassebeers Reportage "starb Olmayra Sánchez am Samstagmorgen". Das stimmt überein mit den für Olmayras Leidenszeit veranschlagten 60 Stunden. Je mehr aber Olmayra Sánchez' Leiden sich steigert, desto lakonischer wird Kirchhoffs Text. Am Schluß bricht er es sogar ab. Den zentralen Raum nimmt - auch bei Kirchhoff - die sekundäre Medienwirklichkeit ein.
5 Zumindest leidet sie so sehr wie das erzählende Ich, während man sonst wenig über die begehrten 'Fernen Frauen' erfährt. Kirchhoffs Text wäre seine kleine 'Madame Bovary' in Anlehnung an Flauberts - einen von seinen literarischen Vätern - Wort: "Madame Bovary, ç'est moi."
6 An Tages- und Wochenzeitungen wurde benützt: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Bild, Die Zeit.
in: Iwasaki, Eijiro, und Shichiji, Yoshinori (Hg.): /Begegnung mit dem 'Fremden'/. Grenzen - Traditionen - Vergleiche. Akten des VIII. Internationalen Kongresses für Germanische Sprach- und Literaturwissenschaft. Bd. 10. München: iudicium 1991. Seite 416-424.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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