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Penck, 1993

Campino, 2000

Susanne von Borsody, 2002

Joseph Beuys, 1981
Fotos: ©Freddy Langer
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P u b l i k a t i o n e n
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Ich seh etwas, das du nicht siehst
Katalogtext zur Ausstellung
Freddy Langer
Schlafbrillen
Mit einem Vorwort von Bodo Kirchhoff
Gebunden in blauer Seide
21,5 x 22,5 cm
72 Seiten
100 Abbildungen in Farbe
24,80 EUR (D) / 25,50 EUR (A) / 43,50 sFr
ISBN 3-938045-14-0
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Wer kennt das nicht, das lustige Spiel, wenn man im Dunkeln tappt, trotz offener Augen? Und jetzt hieß es, die Augen gar noch verbinden, während jemand schon die Kamera zückt, also noch eine Sache aus Kindertagen, unter verschärften Bedingungen: Nicht einfach Blinde Kuh spielen, sondern die Blinde Kuh, der Blinde Ochs sein. Und jemand schaut uns dabei an und sieht etwas, das wir nicht sehen – hinter einer Schlafbrille, wie sie auf Nachtflügen verteilt werden, gegen die Mitmenschen, nicht gegen das Licht, da könnte man ja die Augen schließen. Aber das würde nicht reichen; wir sind versucht, die Augen zu öffnen, sobald der Nachbar sich rührt, während die Schlafbrille den Blick nach innen lenkt. Sie wird zu einer Höhle, in die man auf solchen Flügen hinein kriecht, für einen Dämmerschlaf, der alles ansaugt, was uns bewegt, und was wir fürchten, jede Idee der Liebe, wie sie auf einem nur Reisen kommen, und jede Idee, wie man wohl sterben wird.
Vorsicht also vor Schlafbrillen; ich habe das Experiment, noch ehe der Fotograf zuschlagen konnte, selbst durchgeführt und einer Person – auf die ich nicht näher eingehe, weil man sie kennt – die Schlafbrille, Souvenir einer letzten Reise, aufs Gesicht gedrückt. Und da blieben ein Mund, breit und fest, und Nasenlöcher, die groß waren aber nicht zu groß, wie es sich für einen Star gehört; darüber, unerbittlich in seiner seidige Leere, der Gegenstand des Experiments, und als Krönung eine Stirn in Falten. Und hinter dem Augenvorhang, gar kein Frage, mehr helle Aufregung als davor, wie bei allen, die dieser Band versammelt, Leuten, denen der Fotograf auf einfachste Art das Ikonographische, wenn sie’s denn haben, zusammen gestutzt hat.
Da sieht man keine Geschwister von Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany, als Dame von Welt mit einer Art Decke über den Augen, da sieht man Delinquenten, die die Binde der Exekution tragen. Die wenigsten scheinen ein Foto zu erwarten, die meisten eine Kugel. Kaum einer lächelt, allenfalls schwach, manche gebrauchen ihre Hände und machen die Brille zur Larve, viele sehen tot aus; und die, die lebendig erscheinen, sind alle zum Küssen, Frauen wie Männer. Doch es sind fast nur Frauen, die ein Lachen ohne Augen zeigen, einen Blick mit dem Mund - ein Irrtum, daß man Gesichter vor allem an den Augen erkennt: Nasenlöcher, Mund und Stirn bilden das geheime Erkennungszeichen, mehr psychometrisch als biometrisch.
Eine teuflische Idee, auf dieses intimere Zeichen zu setzen, so teuflisch-reizvoll, daß ich sie nachmachte in einer Fot-kabine, zu zweit, auch ich mit Schlafbrille, neben ihr: die hier doppelt im Verborgenen bleibt, indem ich ihren Namen weglasse. Und als schließlich die Fotos, noch feucht, aus dem Schlitz kamen, da kam die Wahrheit gleich mit: Sie hatte die Binde im letzten Moment abgenommen und mich betrachtet, wie ich da, blind, das verlorene Gesicht hinhielt, worauf ich die Bilder zerriss.
Im Flugzeug drehen sich einem die mit den Schlafbrillen nicht selten zu, wenn man nachts durch den Gang kommt; sie schlafen gar nicht, im Gegenteil, sie sind überwach. Also ist das Objekt mit den elastischen Bändern mehr ein Symbol als ein nützlicher Gegenstand, jedenfalls in der Hand einer Frau, mit der nicht zu spaßen ist; und sie war mir, in der Fotokabine, um das Wissen um dieses Symbol voraus. Es sei denn, sie hatte vergessen, daß ihre Nasenlöcher und der Mund schon genügen, um jeden Betrachter klein zu kriegen - Holly Golightly war sich dessen bewusst, und Audrey Hepburn war es auch. Aber bei ihr sind es wohl die Augen, die man küssen will, auch wenn man Augen nicht küssen kann, nur mit Blicken während des Liebens, und das war noch nie Bestandteil unserer Beziehung. Ja, ich glaube sogar, diese Augen sind gleichsam das Geschlecht ihres Gesichts, daher auch die Sonnenbrille, die man von ihr gewohnt ist: um das Gesicht zu wahren oder eine Blöße darin zu bedecken.
Ganz anders als die Leute in diesem Band, mich eingeschlossen: Wir haben die Binde aus Übermut aufgesetzt und dann kalte Füße bekommen. Ich habe es noch gut in Erinnerung, dieses Gefühl, das Gesicht zu verlieren hinter dem schwarzen Polster mit seinem leichten Druck gegen Lider und Wimpern und dem schwachen Eindringen von Licht durch die Lücke zwischen Nasenflügel und Wange, wodurch der Blick gleich nach unten geht, wie bei ertappten Sündern. Wer eine Schlafbrille trägt, ob in der Luft oder am Boden, kommt der Sünde näher als sonst, und wer sich dabei fotografieren läßt, begeht eine Sünde. Er unterschlägt seine Augen und hebt die Ähnlichkeit mit Gott auf; statt dessen zeigt er einen Mund, der nicht der Mund der Nahrung oder Worte ist, sondern allein der des Liebens.
Das kam auch ans Licht, als die Fotos aus der Kabine noch trocken geblasen wurden und der Kopf neben meinem erschien, mit dem Blick für das, was von mir, der ich die Augenbinde wie vereinbart trug, übrig war.
Ich seh etwas, was du nicht siehst, sagt dieser Blick - und das ist dein banger Mund: alles, was am Ende bleibt, für ein Flüstern oder einen letzten Kuss, während die Augen schon in sich selbst verhüllt sind.

Bodo Kirchhoff mit Schlafbrille
Foto: Freddy Langer
Freddy Langer: 1957 in Frankfurt geboren, studierte Anglistik und Amerikanistik. Seit 1989 ist er Redakteur des Reiseblatts der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Etliche seiner Reportagen und Glossen wurden prämiert. Außerdem schreibt er Buch- und Kunstkritiken und ist Autor zahlreicher Bücher.
Freddy Langer: Schlafbrillen
Eine Galerieausstellung
17.03.2006 – 09.04.2006
NRW-Forum Kultur und Wirtschaft
Ehrenhof 2, 40479 Düsseldorf
www.nrw-forum.de
Tel. 0211-8926690
dienstag bis sonntags von 11 – 20 Uhr
freitags bis 24 Uhr
Eintritt Euro 2,50
Katalog Euro 19,50
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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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