Österreichische Gegenwartsliteratur
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19. Bodo Kirchhoff: Schundroman (2002)
Mit Bodo Kirchhoff (Jahrgang 1948) betreten wir zweifellos ein Gelände, das nicht weit weitab zu liegen scheint von dem Gelände der Trivial- oder Kolportageliteratur. Der Verdacht stellt sich deswegen bei vielen Kritikern ein, weil es sich in diesem Fall nicht nur um einen sehr telegenen, sondern auch sehr erfolgreichen Schriftsteller handelt. Es handelt sich aber auch um einen gelehrten Schriftsteller, der 1978 über Jacques Lacan promovierte. Literarisch aufgewachsen ist er in der Nähe von Enzensbergers Kursbuch. Immer wieder beschäftigte ihn in seinen zahlreichen
Romanen die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, das Originale noch zu erreichen oder abzubilden. Er inspirierte sich an romanischen Motiven, so an E.T.A. Hoffmann. In seiner Novelle Gegen die Laufrichtung (1993) ist ein früher erfolgreicher Tennisspieler die Hauptfigur. Der Titel spielt auf Kafkas Kleine Fabel an, in der die Katze der Maus
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sagt, sie müsse nur die Laufrichtung ändern: So geht es denn auch dem Tennisspieler, der – 64. Platz in der Weltrangliste – von den historischen Ereignissen überrollt wird: Der Mord an einem Nebenbuhler hat ihn aus der Bahn geworfen, und nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis ist ihm nicht klar, ob er als Verbrecher oder als einst bekannter Tennisspieler erkannt wird.
Verfolgt wird Jonas (so der Name des Tennisspielers) von einem Wort mit fünf Buchstaben, das
nie genannt wird, im Text aber als Metapher für die Vernichtung des Selbst präsent ist. Hinter
dem Wort steht seine ehemalige Geliebte Ella, die ihn seine Nichtigkeit immer wieder spüren
ließ, um derentwillen er schließlich zum Mörder wurde und die er nicht vergessen kann. Eine
weitere Metapher für den Verfall liefert der eigene Körper: das graue Haar, der erschlaffte, einst
gefürchtete Schlagarm des Tennisspielers, dessen ehemalige Gegner noch immer siegen. Jonas
ist ein Mensch, dem es nicht gelungen ist, seine Identität im Kampf gegen die anderen zu
bewahren, einer, der sich am Ende ein neues Selbst in der Zugehörigkeit zu einer Gruppe der
Verlierer, den Süchtigen sucht und sich eine gebrauchte Fixer-Nadel "in den nichtsnutzigen
Arm“ drückt. (Steinmann 2000, 13)
Bemerkenswert auch der Versuch, sich nicht nur als Schriftsteller ein Profil zu geben: Im Frühsommer 1993 begab sich Kirchhoff zu den im Rahmen einer US-Mission in Somalia stationierten deutschen Soldaten. Die deprimierenden Eindrücke des zweiwöchigen Aufenthaltes wurden unter dem Titel Herrenmenschlichkeit 1994 veröffentlicht, ein Aufenthalt, der die Rolle des Schreibens und damit auch die der eigenen Persönlichkeit doch sehr nachhaltig problematisierte: Hier wird für ihn der Unterschied zu jenen deutlich, die sich in den dreißiger Jahren dem Spanischen Bürgerkrieg aussetzten, wie ein George Orwell. Damit entfernt sich der Autor ganz
bewusst von der moralischen Verbindlichkeit, die wir der Literatur so gerne zu unterstellen bereit sind. Er verpflichte sich, so lässt er sich vernehmen, zu einem „Nomadendasein zwischen Gut und Böse.“ (zit. nach Steinmann 2000, 13)
„Kinds are the very life of art,“ hatte Henry James verkündet, ein mehrfach angeführtes Zitat, unter das man mit gutem Grund ganze Teile dieser Vorlesung stellen kann. Wenn da jemand uns einen Roman unter dem Titel „Schundroman“ verkaufen will, so möchte er offenkundig der Literatur durch die bizarre Wahl des Genres ein Lebenselixier zuführen. Und das gelingt, auch wenn das Ansinnen, dem Publikum einen „Schundroman“ zuzumuten, doch nicht so ganz frei von Chuzpe ist. Alles ist da drinnen, was man sich von einem Werk eines solchen Titels erwarten
darf ist auch drinnen: Sex und vor allem Crime in einer Dosierung, die die Grenzen des guten Geschmacks gerade im Bereich trivialliterarischer Praxis um einiges überschreitet, vor allem aber Spannung, die bis zum Ende nicht nachla ssen darf, und dann doch auch so etwas wie ein Ende, das einige der Protagonisten, so sie ihr Leben nicht lassen mussten, doch irgendwie zueinander führt. Man kann in Falle von Bodo Kirchhoffs neuestem Versuch von einer Überfüllung dieser Kriterien sprechen, so dass der Verdacht, er wolle damit das eigene Genre parodieren, unabweisbar ist, aber zwischendurch scheint der Autor sein Handwerk so ernst zu nehmen, dass man bei der Lektüre seine eigenen höheren Ansprüche gerne zurückstellt und sich ganz dem Ablauf der Ereignisse unterwirft. Wollte man das Buch ernst nehmen, müsste
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man es als eine Love Story betrachten. „Warum tut lieben mehr weh als töten?“ lautet die markige Frage, die als Motto auf dem Schutzumschlag prangt. Diese Sinnzufuhr ist der Hauptfigur des Roman zu verdanken, einem gewissen Willem Scholz, einem Sohn der Stadt Frankfurt, der im Herbst des Jahres 2002 nach einem zehnjährigen Aufenthalt in Manila zurückkehrt, um für eine beträchtliche Summe einen Kapitalisten umzulegen. Eine Edelnutte namens Lou Schultze wird auf ihn angesetzt, beide verlieben sich ineinander schon auf dem Flug. Willem merkt, dass auch Lou Schultze unter Beobachtung steht: Sie hat von einem reichen und alten Kunden, der in ihrem Bett nicht ganz ohne ihre Schuld den Liebestod starb, einen Picasso geerbt, und diesen versilbert, und andere Interessenten wollen begreiflicherweise den Erlös sicherstellen. Um die Aufmerksamkeit von Lou abzulenken, inszeniert Willem nun auf dem Frankfurter Flughafen ein Attentat, und tötet dabei eher unabsichtlich den deutschen Großkritiker Louis Freytag, der in seiner letzten Lebenssekunde vor einem Zeitungskiosk gerade in einem Weltblatt sein eigenes Konterfei erblickt. Willem entkommt unerkannt, will seinen Tötungsauftrag ausführen, muss aber während der Aktion entdecken, dass von seinen Auftraggebern ein Killer auf ihn angesetzt, den er statt des vorgesehenen Opfers denn auch umlegt. Und in diesem Stile geht es denn auch bis ans Ende weiter. Auch der Privatdetektiv darf nicht fehlen; und dieser erhält ein weibliches Pendant, und beide agieren so, wie das Privatdetektive gerne tun: Ihre oft genialen Kombinationen werden vom Zufall sowohl behindert wie auch gefördert, und das Resultat ist oft gleich null, aber sie treiben die Handlung voran. Lou wird vom Großschurken, der alle Fäden in der Hand hält, auf grausame Weise getötet; dieser ist Rechtsanwalt und agiert auch als Schriftsteller, unter dem vielsagenden Namen Ollenbeck. In einem dramatischen Finale wird auch dieser auf dem Gardasee von Willem ins Jenseits befördert. Zwei Paare finden einander am Ende - der Privatdetektiv und die Privatdetektivin sowie Willem und die Witwe dieses Mannes, der ursprünglich als dessen Opfer vorgesehen waren. Langweilig wird es einem bei der Lektüre nie, denn mit überraschenden Pointen und viel Witz gestaltet Kirchhoff die Episoden, und dass am Ende die einander überschlagenden Vorgänge kaum nachvollziehbar sind, die Abläufe und die Psychologie der Figuren sich dem Kriterium der Wahrscheinlichkeit entziehen – all das verschlägt wenig. Raffiniert spricht Kirchhoff unsere niederen Leseinstinkte an und kompensiert unser schlechtes Gewissen durch gelungene Anspielungen auf den Literaturbetrieb, so dass alles auch zu einem Buch über das Gewerbe gerät, das Kirchhoff selbst betreibt. Dass allerdings auch in diesem Buch ein Großkritiker sein Leben lassen muss beginnt mich zu beunruhigen. Sprechen sich da nicht nach Wegfall der Zensur die schriftstellerischen Tagträume etwas zu unverblümt aus? Der Schundroman ist allerdings ist ungleich besser als Martin Walsers unsäglicher Tod eines Kritikers, zumal Kirchhoff eleganter, weil nur en passant, der Widersinn und die Phraseologie der Literaturkritik bloßgestellt werden. Entscheidend ist die Verpackung, ein Stück Literatur, das eben rein und frei ist von jedem ideologischen und didaktischen Beiwerk. Daher nicht für die Schule, reiner Schund, und das ist gut so. Tom Liehr rezensierte jedoch in einer
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ganz anderen Tonart: „Ein hochaktueller Roman also, sollte man meinen. Aber eigentlich ist es nur gequirlter, sehr langweiliger Mist, fast ungenießbar am Anfang, und später auch nur durch die mäßig unterhaltsame, wenig überraschende, zuweilen haarsträubende Handlung zusammengehalten. Kirchhoff gibt sich gar nicht erst die Mühe, seinen Figuren Tiefgang und Konturen zu geben, kolportiert und kupfert ab, schmeißt all die vermeintlich Wichtigen in einen Topf und rührt etwas zu kräftig um. Im Ergebnis bleibt dann weder Mediensatire, noch Crimestory, sondern das, was draufsteht - wenigstens kein Etikettenschwindel.„
Hier stellt sich in der Tat die Frage, wohin wir mit unseren Wertungskriterien gekommen sind: Ist das überhaupt noch ein Roman, an den sich landläufige Kriterien anlegen lassen? Wird hier nicht schon durch den Titel und durch den Stil einfach alles, was irgendwie ernsthaft nach literarischen Kriterien, wie immer sie sich definieren mögen, beurteilt wird, verspottet? Indem der Schund zur Kunstform erhoben wird, wird das Amt des Kritiker unterminiert. Es geht darum, die Kritik zu entlarven, ihr gleichsam heimzuleuchten, sie nicht mehr als einen gültigen Gesprächspartner der Literatur gelten zu lassen.
Bei dem nächsten Buch Wo das Land aufhört (2004) muss man sich in der Tat fragen, wie ernst es Bodo Kirchhoff mit seinen Lesern meint. Denn just in der Partie, da ein alter Lehrer von seinem Abenteuer mit einer Kollegin spricht, versteigt er sich zu Sätzen, die nie und nimmer der Kontrolle eines ernsthaften Erzählers passieren dürften. Eine Kostprobe:
In dieser Phase begannen wir, über Nietzsche zu reden, wie es alle gebildeten Opfer
irgendwann tun, und kamen darüber auf Rilke, der lieber unglücklich war als geheilt und im
Schönen nichts als des Schrecklichen Anfang sah, ein überaus hellsichtiger Mann, in
Deutschbüchern völlig verloren.
Oder: „Das ist die Stelle, wo das Land aufhört und das Meer beginnt -, klarer kann man es nicht sagen an dieser Grenze verlief unser Glück.“ In dieser Geschichte geht es darum, ob ein Schüler relegiert werden soll, weil er sich mit einer Mitschülerin eingelassen hat – oder diese mit ihm. Die rabiate Mutter des Mädchens klagt den jungen Mann als Sexmonster an, und die Lehrer und Lehrerinnen entscheiden sich schließlich doch dafür, den Knaben nicht zu relegieren. Hier scheint Kirchhoff jedoch den Ernst gewahrt zu haben; er ist in diesem Falle seriös und parodiert sich gleichsam nicht selbst, wie wir es im Falle des Schundromans vermuteten. Wie dem auch sei: Es scheinen wenige Autoren den Zustand der deutschen Gegenwartsliteratur so markant zu repräsentieren wie Bodo Kirchhoff, der als Stilist in allen Sätteln fest sitzt. Gerade diese Art der Perfektion stimmt die Kritik bedenklich. Sie antizipiert die Kritik und scheint ihr zu sagen, dass die Literatur immer schon längst dort ist, wo die Kritik hinkommt.
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Wendelin Schmidt-Dengler
In: Österreichische Gegenwartsliteratur. Wissenschaftliche Vorlesung zur zeitgenössischen österreichischen Literatur, gehalten von Univ.-Prof. W. Schmidt-Dengler (Universität Wien) am Germanistischen Institut der Universität Wien und am Pädagogischen Institut NÖ. S. 73-76.
Das vollständige Manuskript finden Sie hier: http://vdeutsch.eduhi.at/vorlesungen/wsd_gegenwartsliteratur.pdf
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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