Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Journal Frankfurt Nr. 21/07
Foto: ©Harald Schröder


G e s p r ä c h e
Boris Tomic: "Bodo Kirchhoff über Frankfurt, die Liebe und die Buchmesse"
LEBEN IN EINER EIGENEN ZEIT
Bodo Kirchhoff ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Deutschlands. Seit 30 Jahren wohnt und arbeitet er in Frankfurt. Anlässlich der Buchmesse sprechen wir mit ihm über Frankfurt, Freundschaft, die Liebe und natürlich die Messe
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Am Nachmittag, so erzählt Bodo Kirchhoff sei er mit seiner Frau Ulrike am Main entlanggeschlendert, als ihn eine Zeitungsakquisiteurin angesprochen habe. Während er selbst das Angebot vehement ablehnte, unterschrieb seine Frau das Testabo sofort: "Diese Szene habe ich mir gleich auf einen Zettel notiert und werde sie sicher in einem Drehbuch oder einem noch zu schreibenden Eheroman weiterentwickeln", sagt er. Hunderte solcher Zettel mit Notizen liegen in den Schubladen seines Stehpults aus Ahorn. Viele davon schon vergilbt.

Hier, im 9. Stock seiner Sachsenhäuser Schreibwohnung, sitzt er oft in einem roten Sessel, den Laptop auf den Knien, und arbeitet. Ernst Barlach schaut ihm als Selbstporträt (das einzige, das es gibt) dabei von der Wand aus zu. Kirchhoffs Blick aus der Fensterfront hinaus trifft auf die Frankfurter Skyline. "Für deutsche Städte eine wahnsinnige Kulisse", sagt der 59-jährige, den es beim Gedanken an seinen 60. Geburtstag im kommenden Jahr schon etwas fröstelt: "Sicher eine Zäsur. Aber ganz sicher auch ein Kostenfaktor, weil alle möglichen Leute erwarten, dass ich den dann groß feiere." Eine der meistverbreiteten falschen Annahmen der Leute sei laut Kirchhoff, dass erfolgreiche Schriftsteller vermögend seien.

Kirchhoff, der Zerrissene, der Getriebene. Schreiben ist seine Profession. Besser: seine Berufung. Erfolgsromane. Drehbücher. Geld verdienen heißt die Devise. Geld verdienen mit hochwertigem Output. Die Familie will unterhalten sein, zwei Wohnungen in Sachsenhausen, das vor 10 Jahren am Gardasee nach eigenen Plänen gebaute Haus ebenfalls. "Ich arbeite unheimlich viel. Zwölf Stunden am Tag sind keine Ausnahme, Wochenenden existieren nicht", meint B.K., wie er sich in seinem neuesten Roman selbst bezeichnet. Romane, Novellen, Prosa im Allgemeinen, aber auch Filmdrehbücher. Gerade hat er seinen Freundschaftsroman "Eros und Asche" auf den Markt gebracht, sitzt an dem Drehbuch zu einem Kinofilm mit Veronica Ferres und hat den Auftrag, die TV-Serie "Der letzte Zeuge" weiterzuschreiben.

Rund 2 Euro bleiben dem Verfasser von einem im Einzelhandel verkauften Buch. Auflagen in Höhe mehrerer Zehntausend wie bei Kirchhoffs "Schundroman" gelten in Deutschland als extrem erfolgreich - über 100 000 Exemplare wurden noch von keinem seiner Bücher verkauft. "Rechnet man die Steuer ab und die investierte Zeit dagegen, so kann ich vom Bücherschreiben nicht leben. Das kann keiner", pfeift er durch die zusammengebissenen Zähne. Die Arbeit fürs TV ist da lukrativer.

Dennoch ist er nicht begeistert vom Skriptschreiben. "Der größte Unterschied ist, dass man im Fernsehen nicht wirklich erzählen kann, sondern aufgrund der Kürze der Zeit Behauptungen aufstellen muss." Erzählen, eine Geschichte entwickeln, sie schlüssig machen - das ginge nur in der Schriftstellerei. Es gibt Kirchhoff-Bücher, in denen sechs, sieben Jahre Arbeit stecken - "ein gutes Buch spiegelt immer auch ein Stück Lebenszeit wider". Anschreiben gegen die Häppchen-Kultur. Gegen die Verkürzungen im Fernsehen, aber auch in der alltäglichen Sprache. Gegen das profane Leben von "Normalmenschen". Das Kirchhoff'sche Lebensmotto: "Ein Schriftsteller hat immer seinen Rhythmus. Er lebt in seiner eigenen Zeit."

KEINE HEISSE LIEBE
Kirchhoff, der Nachdenkliche, der mit Werken wie "Infanta", "Parlando" und "Schundroman" zu den bekanntesten Autoren des Landes zählt, ist nicht gerade in heißer Liebe zu der Stadt Frankfurt entbrannt. Dreißig Jahre, seit Beginn des Studiums, lebt er hier am Main - aber zu Hause fühlt er sich nicht. "Durch die Geburt unserer Kinder bin ich aber viel stärker in Frankfurt verwurzelt. Für sie ist es die Heimat, die ich ihnen nicht entziehen will." Er, selbst Halb-Heimatloser, weiß, wovon er spricht - in Hamburg geboren, im Schwarzwald aufgewachsen, nach der Scheidung der Eltern ins Internat abgeschoben. Zehn Jahre verbringt er in einer strengen Lehranstalt am Bodensee. Keine gute Erfahrung.

Um eine dort entstandene Freundschaft dreht sich sein aktueller Roman "Eros und Asche". Dem kürzlich verstorbenen Freund ist der - wie es explizit in der Unterzeile heißt - "Freundschaftsroman" gewidmet. 278 Seiten randvoll mit autobiografischen Bezügen, persönlichen Offenheiten und jeder Menge homoerotischer Andeutungen. "Sicher waren wir sehr enge Freunde, wir haben uns auch geliebt. Auf unsere Weise - aber schwul waren wir nicht. Vieles aber, das gebe ich zu, fand in der Fantasie statt", sagt Kirchhoff nachdenklich.

Liebe, was ist eigentlich Liebe? Kirchhoff antwortet mit einem Achselzucken und nach kurzer Überlegung: "Ja, das ist schwierig." In seinem neuen Buch findet er Worte für die Liebe und für die Ehe: "Mit einer einmaligen Liebeserklärung ist es in der Ehe nicht getan. Die Erklärung, weshalb man zusammen ist und zusammen bleibt, ist die dauernde Begleitmusik dieses seiltänzerischen Zustandes, sie verleiht ihm künstliche Stabilität mit einer ständigen Liebesrede, mal leiser, mal lauter, mal zärtlicher, mal ruppiger, ein verbaler Coitus ohne Ende, ohne Höhepunkte; der Höhepunkt, das ist die Dauer."

B.K. im "La Bella", Foto: H. Schröder
Foto: ©Harald Schröder


DER LITERATURZIRKUS
Kirchhoff, der Hellwache, hat schlecht geschlafen. Um zwei Uhr war die Nacht für ihn zu Ende. Danach hat er keine Ruhe mehr gefunden. "Zu viel im Kopf, was irgendwie in Sätze gezwängt werden muss. In gute Sätze." Am späten Nachmittag trifft man sich in einer Pizzeria im Bahnhofsviertel, Taunus-, Ecke Elbestraße. Hier sitzt der Schriftsteller oft. "Nicht wegen der Nutten und des Rotlichtambientes, sondern weil das Viertel das einzige in Frankfurt ist, in dem abends noch was los ist, und man hier wunderbar Menschen studiren kann", meint er.

Wer der Mann, der da am Tisch schreibt, sei, fragen wir den Inhaber des La Bella. Der zuckt nur mit den Schultern. Keine Ahnung, aber der kommt öfter, lautet die Antwort. Auf der Straße stehen die Junkies Schlange am Druckraum nebenan. Kirchhoff trinkt Tee, liest, nimmt sein Notizbuch und legt den Füller ab. Laut muss es sein, wenn er schreibt. "Ich liebe Hintergrund- oder Nebengeräusche dabei. Oder ich höre laute Musik. Nichts ist öder, als in einem geschlossenen Raum vor sich hin zu schreiben. In geschlossenen Räumen fühle ich mich immer irgendwie unwohl", sagt er. Und schreibt weiter.

Die Buchmesse, die großen Verlage, die immer gleichen Kritiker. Ein Reizthema ohne echten Reiz. Klar werden die jungen Pop-Literaten im deutschen Business extrem gepusht, meint Kirchhoff. "Es ist schwer, dagegen auch nur einen Hauch Aufmerksamkeit abzubekommen." Ebenso stark repräsentiert sieht er die Generation der bis 45-jährigen Schreiber. Und natürlich die alten Herren, die Meister ihres Fachs wie Walser und Grass. Aber die dazwischen, zu denen Künstler wie Botho Strauß, Peter Handke gehören und auch Kirchhoff sich selbst zählt, "die müssen unwahrscheinlich hart um Anerkennung kämpfen". Die fallen einfach hinten runter in dem Medienrummel um Neuerscheinungen. Eine Art "Lost-Schriftsteller-Generation". In seinen Worten schwingt Verbitterung mit.

Er ist kein Freund von Spektakeln. Die Leipziger Messe mit ihren Lesemarathons ist für ihn zu sehr Event. Frankfurt soll diesen Weg nicht beschreiten. Schon heute sei die Messe am Scheideweg. Durch die geschmierten Vermarktungsstrategien erscheinen die Präsentatoren von Literatur in den Augen vieler Leser als die eigentlichen Autoren. All die Wickerts, Willemsens und Hermans, Schröders, Blüms und Fischers. "Ich wünsche mir eine Rückbesinnung auf die Literatur. Warum sollen wir lesen? Diese Frage müsste im Zentrum einer Buchmesse stehen!" Kirchhoff will auch außerhalb der Messe diese Frage stellen - am liebsten in einer Kultursendung über Bücher, von ihm moderiert, von hr produziert. "Das hatten wir ja schon einmal, aber der hr bekam irgendwann kalte Füße und setzte die Sendung ab. Schade."

Die immer gleichen Kritiker täten ein Übriges zur Volksverdummung. Hierzulande zumeist in Lebensanstellung. Fulltime-Kritiker, eine echt deutsche Erfindung. Viele der Kritiker sind laut Kirchhoff oft gescheiterte Autorenkollegen, neidisch auf das Können derjenigen, die versuchen, vom Bücherschreiben zu leben. In Italien oder Frankreich sei das anders. Da hätten Kritiker selten eine Vollanstellung. Den Job machten dort begabte Menschen nebenei. Als nettes Zusatzeinkommen.

Kirchhoff, der Erfolgsautor, hat. Hunger. Wir ziehen weiter. Zum Italiener in die Niddastraße: 7 Bello. Wir sind erst mal nur drei Schöne, Fotograf eingerechnet - mit den beiden Kellnern Enzo und Mario erhöhen wir auf fünf. Zwei bleiben wir schuldig. Um uns herum Banker ebenso wie Künstler, Vorstände, Werber. "Das ist Italien pur", sagt Kirchhoff. Auf dem Tisch stehen frittierte Sardinen, Mozzarella und hauchdünn geschnittener Parmaschinken. Das Pizzabrot dampft ofenfrisch. Kirchhoff ist zufrieden. "Ich weiß, ich bin sicher kein einfacher Mensch." Dabei huscht ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht. Ein guter Schluss: Kirchhoff, der Nicht-Einfache.



Text: Boris Tomic
Fotos: Harald Schröder
in: Journal Frankfurt, Nr. 21/07
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Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors und Journal Frankfurt
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