Die Erfahrung des unheimlich Anderen
Bodo Kirchhoff ist kein Schriftsteller, der aus dem vollen einer überbordenden Phantasie schöpfen könnte. Umgangssprachlich gesagt: es fällt ihm nicht besonders viel ein. Er ist alles andere
als der "geborene Erzähler", der jede Saison aufs neue in irgendeinem exotischen Ambiente ausfindig gemacht wird. Für einen solchen Ruhm ist Bodo Kirchhoff nicht erfinderisch genug.
Statt dessen erzählt er von dem, was er sieht, von der materialen Welt, vom Körper und seinen Umgangsformen. Diese Erzählgegenstände sind häufig ekelhaft, zumindest jedoch unangenehm; vielen seiner Kollegen ist das nicht der Rede wert. Kirchhoff bleibt jedoch mit großer Beharrlichkeit bei seinen Themen; er will genau um ihretwillen als Schriftsteller gelten, wegen dem, was er schreibt und was nicht gefällt.
In einem autobiographischen Essay1 beschreibt sich Kirchhoff selbst als "konservativ" und meint damit auch sein "leidenschaftliches Festhalten an den alten, verlockenden Bildern, den Symbolen, die mich immer wieder schauern lassen". Wegen der Symbole, die in ihrer Einfachheit eigentlich gar keine sind, hat es Kirchhoff mit seinen Kritikern verdorben: er sei banal und seine Erotik zu schmuddelig, als daß man ihn anders als mit spitzen Fingern anfassen könne, um ihn dann gleich wieder wegzulegen.
So ist es ihm auch mit seinem jüngsten Buch, der Mexikanischen Novelle ergangen.2 Die Story, das fiel den unwillig lesenden Kritikern gleich auf, hat etwas von Hemingway. Ein deutscher Journalist, der sich einmal als Armin bezeichnet, fährt im Auftrag einer Freiburger Zeitung nach Arizona, um das dortige Schulungszentrum der deutschen Luftwaffe zu besichtigen. Am Beispiel eines Soldaten, Leutnant Ritzi, der aus dem Verbreitungsgebiet der Zeitung stammt, soll den heimischenLeser das Leben in militärischer Ausbildung nahegebracht werden. "Digitale Romantik" möchte der Reporter sein Porträt eines Fliegers nennen.
Zum Schreiben geht der Erzähler über die Grenze nach Mexiko, löst sich von den Kollegen, die ebenfalls von der Bundeswehr eingeladen waren, und löst sich auch von seinem Schreibgegenstand, dem Leutnant. Zum Schreiben kommt er aber nicht, weil er eine junge Frau kennenlernt und mit ihr ein Verhältnis eingeht. Er reist ihr an die Küste nach und trifft sich täglich mit ihr in einem Hotelzimmer. Sonst verbringt er den Tag mit dem Warten auf sie und mit Notizen für seinen Artikel. Plötzlich erscheint der Schreibgegenstand, erscheint Leutnant Ritzi, der Sorge darum trägt, der Journalist könnte ihn nicht angemessen charakterisieren.
Das Verhältnis zwischen den beiden Männern verändert sich, und die junge Frau stellt über den Bruder Heiratsforderungen. Schließlich wird Leutnant Ritzi umgebracht und der Erzähler der Tat beschuldigt, eine Wendung, die scheinbar überraschend kommt. Der Erzähler ergibt sich in das, was er als Schicksal versteht, akzeptiert die Mordanklage und geht ins Gefängnis. Wenn jetzt noch die Gitarren schrummten und die Kastagnetten erklängen, nicht wahr, dann wäre unser Bedarf an Exotikund südländischen Menschen gedeckt, dann wüßten wir, daß Bodo Kirchhoff ein schlechter Schriftsteller ist.
Daß er es aber nicht ist, läßt sich zeigen. Zum Vergleich soll keine vergangene Größe wie Hemingway, sondern ein richtiger Action-Autor herangezogen werden, der den Kritikern nicht in den Sinn kommt, weil sie ihn nicht gelesen haben. Von den achtzehn Büchern des amerikanischen Trivialautors James M. Cain enden mehrere mit dem Tod des Erzählers. An diesem Ende angelangt, weiß der Leser, daß er einem Todeslauf gefolgt ist, daß dieses Ende von Anfang an die Person bestimmt hat, die in der Todeszelle oder von Häschern umringt ihre Geschichte zu Papier bringt und womöglich mitten im Satz stirbt.
Der Erzähler in dem Roman The Postman Always Rings Twice erwartet die Hinrichtung für einen Mord, den er nicht begangen hat. Zuvor war er in einem anderen Fall von der Mordanklage freigesprochen worden, obwohl diese begründet war. Als Sühne für sein damaliges Fehlverhalten
nimmt er die eigentlich unberechtigte Strafe auf sich. (Kultursnobisten kann man darauf verweisen, daß Camus'L'Etranger von Cains Roman beeinflußt sein soll.) Joyce Carol Oates hat die Moral dieser Romane in einem Satz zusammengefaßt: "Cains Romane vermitteln, als moralische Abhandlungen getarnt, nichts als die Lehre vom Kind, das bestraft werden muß, weil es zu weit gegangen ist." Bodo Kirchhoff läßt Ähnliches anklingen: "Grenzen halten mich in Gang, die Möglichkeit der Übertretung, Angst und Lust; ein Ringen mit dem ›unheimlich Anderen‹."
Die Mexikanische Novelle endet in einer Gefängniszelle. Der Erzähler ist mit der Aussicht, darin Jahre als unschuldig Verurteilter verbringen zu müssen, an einem Nullpunkt seines Lebens angekommen: "langsam glitt ich in ein anderes Leben". Die Geschichte ist aus an einem Punkt, der sich absurder nicht denken läßt: der Ausländer weiß sich im Recht, aber nichts und niemand wird ihm dazu verhelfen können. Er ist dem "unheimlich Anderen" zum Opfer gefallen.
Vom Ende her betrachtet, wird diese Selbstaufgabe verständlich. Der Erzähler Armin war in die Fremde gegangen und hatte sich stückweise verloren. Wo er aus sich herausging und bei anderen anknüpfen wollte, mußte er scheitern. Es war ein Fehler, sich auf diese Frau einzulassen. Es war aber auch ein Fehler, daß er sich schriftstellerisch mit Leutnant Ritzi beschäftigt hatte. Dieser war nichts weiter als ein Schreibanlaß gewesen, aber die Recherchen haben ihn, in einer Parallele zur Veränderung des Journalisten, aus der Reserve geholt, ihn mit sich selber auseinandergesetzt.
Deshalb ist Ritzi seinem Erwecker verstört nachgereist, als hätte er ein Stück von sich weggegeben. Der aber befindet sich längst woanders, und der Soldat ist nur mehr ein abstraktes Opfer für seine Größenphantasien: Je länger sich der Erzähler sprachlich mit ihm beschäftigt, um so besser gerät ihm das Porträt, um so mehr verspricht er sich davon bei einer angeseheneren Zeitung als der, die ihn beauftragt hat. Die Person Ritzi hat damit nichts mehr zu tun.
Als sie dann leibhaftig auftaucht und ihre Forderungen stellt, bahnt sich für den Erzähler das Unheil an; es kann nicht mehr gutgehen. Was manchem Kritiker bei dieser Novelle oder Erzählung unangenehm auffiel, ist die angeblich erotische Männerbeziehung. Doch ist das Verhältnis zwischen Leutnant Ritzi und dem Erzähler keineswegs sonderlich erotisch, es existiert nur auf dem Papier, ist das zwischen einem Künstler und seinem Objekt.
Wo der Amerikaner Cain auf jede Psychologisierung verzichtet und reine Aktionen heruntererzählt, bescheidet sich Kirchhoff mit Beobachtungen an der Oberfläche. "Schon immer hatte ich den Leuten gern beim Leben zugesehen", formuliert er seine simple Ästhetik. Das ist zynisch gesagt, und Kirchhoff schreibt auch in diesem Zynismus, der ihm schriftstellerisch reiche Frucht trägt. Er zeigt kein Mitleid mit Personen und Situationen, die ihm vor Augen kommen, sondern beschreibt sie kalt. Dabei gewinnt seine Beobachtungsschärfe, die ihm wie in leichter Betrunkenheit überdeutliche Bilder liefert. Seine kleinteiligen Erfahrungen macht Kirchhoff in Mikrokosmen der Fremde, in der er jeweils nach dem Vertrauten sucht.
So reist Zwiefalten in dem gleichnamigen Roman um die Welt (die Route ist, wie im Buch beschrieben, auf den Umschlag gestrichelt) und findet überall Deutsche, an die er sich als etwas Heimeliges halten kann. Ihnen sieht er beim Leben zu, bleibt Beobachter am Rande, mischt sich nicht ein, schreibt nur auf.
Die Reise um die Welt verläuft planlos; zufällig erwähnte Ortsnamen führen Zwiefalten weiter, aber für seine Aufzeichnungen ist alles eins. Zwiefalten ist das gerade Gegenteil jenes Touristen, der um keinen Preis einer sein will, sondern viel lieber in die Kultur und Mentalität des besuchten Landes eintauchen möchte, um nicht aufzufallen. Zwiefalten kümmert sich nicht im geringsten um das Land, in dem er sich augenblicklich befindet, registriert allenfalls die Einzelheiten, die ihm am Ort begegnen; nichts weiter. Er will der Fremde bleiben, damit ihm die Fremde nicht plötzlich vertraut, damit er nicht zu sehr in das Leben vor ihm hineingezogen wird.
"... der durchdringende Blick des Fremden, des unvergeßlichen ›schwarzen Mannes‹ der Kindheit, existiert nur als Drohung am Rande der vertrauten Welt, jenseits einer Grenze, deren Überschreitung mir nicht vorstellbar war ohne die gleichzeitige Angst, daß ich dabei Schaden nähme an meiner unbefleckten Person". Was Bodo Kirchhoff als seine exemplarische Kindheitserinnerung beschreibt, prägt auch Zwiefalten. Mit einer Heidenangst sucht er die gefürchtete Fremde auf, ständig hin- und hergerissen zwischen der Angst vor ihr und dem Wunsch, mit ihr in Berührung zu treten.
Weil die besuchten Orte nur zufällig angeflogen werden, die dort registrierten Erlebnisse austauschbar sind, käme bei einer Inhaltsangabe nur wenig heraus. Man erfährt über die Städte nicht mehr, als was der durchschnittlich unterrichtete Bundesbürger auch weiß, was er vielleicht sogar gründlicher kennt. Zwiefalten bestätigt unsere Vorurteile, wenn er in Äthiopien wenig erfolgreich den Kommunismus am Werk sieht, in Bangkok die Freudenmädchen und ihre proletarischen Kunden beobachtet, in Hawaii einen Hurrikan erlebt und in Paraguay den ausgewanderten Münchner Konsul Weyer spricht.
Die Botschaft, die Zwiefalten nach Hause bringt, ist überdeutlich, und sie ist deprimierend: In der Ferne gibt es nichts zu erleben, was man nicht schon kennt. Die Welterfahrung ist so beliebig wie die Beobachtung, daß Sony in Addis Abeba mit der gleichen Plakattafel wie in Asunción wirbt. Denn in der Welt, soviel ist klar, geht es nicht sonderlich authentisch zu.
Ganz bei sich selbst ist Kirchhoff in der Prosasammlung Die Einsamkeit der Haut, den Geschichten aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel. Es geht bei ihm aber nicht so pittoresk zu wie bei Hubert Fichte, wenn der sich in der Exotik St. Paulis umtut und die dort Arbeitenden ihre aufregenden Biographien erzählen läßt.
Das Ich, als das Kirchhoff hier wieder auftritt, hat mit seiner Umwelt nichts zu tun; es beobachtet nur. Die Sprache bleibt weitgehend ausgespart, es geht um Blicke, Phantasien, um Berührungen und Räume. "Ich weiß nicht, was ich will im einzelnen und folge meinem Blick, wohin er fällt."
Der Erzähler unternimmt Ausflüge, Vorstöße in die Stadt, die ihm fremd bleibt. Er geht in ihr wie in einem Museum herum und wagt nur selten, etwas zu berühren. Aus dem Schauspielhauscafé wandert er in die Kaiserstraße, dorthin, wo "das Verlustieren anfängt". In einer Peep-Show besetzt er seine Stammkabine, wirft gelegentlich ein Markstück ein und vertreibt sich sonst die Zeit mit einem Buch. An den sich ausstellenden Frauen interessieren ihn nur die Einzelheiten, die er vergleichen kann. "Und so vergeht die Zeit - sie zeigt es, und ich schaue hin. Bis sie plötzlich unterbricht, nach den Klappen sieht und aufsteht, ihr Handtuch nimmt und gehen will, dann aber zögert und sich umdreht. Sie sieht, daß meine Klappe noch geöffnet ist, kommt zurück, legt ihr Handtuch wieder hin und fängt noch einmal an mit dem Zeigen. Zeigt jetzt alles nur für mich und blickt an mir vorbei, haarscharf. Ich sehe ihre Augen, drehe mich um, sperre die Tür auf und laufe; so schnell es eben geht, die Treppe runter, hinaus ins Freie, überquere die Fahrbahn, laufe weiter durch die Moselstraße, über die Münchner rüber und kehre ein ins Moseleck." Die Augen allein haben ihr Leben, sie dürfen tun, was sie wollen, aber weiter darf das nicht führen.
Bodo Kirchhoff schreibt von Körpererfahrungen. Er schreibt von der tropischen Wärme zwischen den Fingern, von den Muskeln, die einer vor einem endlos reflektierenden Spiegel hüpfen läßt, von unnatürlichen Lüsten. Als Leser dieser Betrachtungen läuft es einem kalt den Buckel herunter vor Bewunderung für die Kälte, in der Kirchhoff und seine Erzählfiguren ihre Erfahrungen machen.
Dieser Schriftsteller, der sich auf der Suche nach ihn durchschauernden Bildern im Dunstkreis der Lüste aufhält, ist ein vollkommener Asket, seine Bücher sind Exerzitien. Sein Blick ist voraussetzungslos, er versteigt sich nicht über das Kreatürliche hinaus und folgt allein dem Traum vom "ungerührten Schreiben". Der übliche Autorennarzißmus findet in Kirchhoffs bisher sechs Büchern seine Berechtigung: er handelt nur von sich und seinen Erfahrungen mit der Fremde, und das wiederum macht ihn für alles lesbar, die seine Schauer miterleben wollen. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Willi Winkler
1 Zeichen und Wunder. Ein Reisebericht. In: Michael Rutschky (Hrsg.), Errungenschaften. Eine Kasuistik. Frankfurt: Suhrkamp 1982.
2 Von Bodo Kirchhoff sind lieferbar: Ohne Eifer, ohne Zorn. Novelle (1979); Body-Building. Erzählung, Schauspiel, Essay (1980); Wer sich liebt (1981); Die Einsamkeit der Haut. Prosa (1981); Zwiefalten. Roman (1983); Mexikanische Novelle (1984), alle erschienen in Frankfurt bei Suhrkamp.
in Merkur, Heft 6, 1985, S. 521-525
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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