Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n

Cover "Das erste Buch"





Woher ich komme

in Das erste Buch
Schriftsteller über ihr literarisches Debüt
Hrg Renatus Deckert
suhrkamp taschenbuch 3864
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007
ISBN 978-3-518-45864-8
S. 179-182
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Leseprobe

Die Novelle "Ohne Eifer, ohne Zorn" ging aus einem dreihundertseitigen Romantorso hervor, den ich aus einem gegensätzlichen Impuls, nämlich mit viel Eifer und mit viel Zorn in den mittleren Siebzigerjahren geschrieben hatte.
Ich lebte damals recht isoliert in einem Zimmer im Frankfurter Ostend (dem Stadtteil, der noch dreißig Jahre von seiner Aufmöbelung entfernt war), nämlich in der Ostbahnhofstraße 9 unter dem Dach (nach wie vor eine ruinöse Adresse), und es gab in diesem Zimmer, sechzehn Quadratmeter, hundertachtzig D-Mark warm, eigentlich nur die Schlafmatratze als freien Raum zwischen gestapelten Büchern, in denen ich wild herumlas, und Bildern, die keinen Platz mehr an der Wand hatten. Es war eine Übergangszeit zwischen Malen und Schreiben, Halbschlaf und Wachheit, und die Erstausgabe von "Ohne Eifer, ohne Zorn" hat eins meiner wenigen Bilder, die ich heute noch gelten lasse, als Cover. Das Bild zeigt mich fünfzehnjährig, mit geschorenem Kopf - ein erster Skinhead -, ich schlafe, an eine Mauer gelehnt, und dann gibt es da noch einen Soldaten im Bild, der wohl gerade eine Exekution durchführt, das Opfer sieht man nicht; im Hintergrund des Bildes sind Berge, im Himmel schwebt ein Ei; die Farben eisig. Das Bild war lange vor der Novelle da, kalt und genau, ohne Eifer, ohne Zorn - eine grausame und doch intime Genauigkeit: da sollte auch mein Schreiben hinkommen, ein Schreiben, das sich in größter Abgeschiedenheit vollzog. Es gab damals kaum Menschenkontakte, wozu auch, ich hatte mein Papier und das Zimmer, allerdings auch einen Zimmernachbarn, einen alten Ungarn, Zoltan Fordor, der jede Nacht irgendwann Katastrophe, Katastrophe! rief, bis das mit einem Mal aufhörte. Einer der Kontakte war damit weg, und die anhaltende Stille von drüben erzeugte einen zunehmenden Lärm in meinem Bewußtsein. Ich spürte, daß Zoltan Fodor tot war, und sein Leichnam gehörte mir; ich ließ ihn verwesen, bis der Gestank unerträglich wurde. Dann ging ich, noch vor der Polizei, in sein Zimmer, und der Anblick, oder besser gesagt: meine Fähigkeit, ihn zu ertragen, legte in mir die Schreibposition fest, die mich in einen Gegensatz zu allem brachte, was in diesen Jahren als deutschsprachige Literatur veröffentlicht wurde. Ich holte aus den dreihundert Seiten die paar Sätze heraus, die mir wahr erschienen, Sätze um die Figur eines Herrn Branzger, der mich dann fünfundzwanzig Jahre lang begleiten sollte (erst in dem Roman "Wo das Meer beginnt" stirbt er), eine Figur, die mich seit meiner Kindheit beschäftigt: Ein Herr Branzger war in der Wohnung meiner Großmutter nach dem Krieg einquartiert; ich bekam ihn nie zu Gesicht, und so blieb er mir im Gedächtnis. Daneben gab es noch ein paar Sätze, die meine Militärzeit betrafen - auch das etwas Antipodisches zur damaligen Zeit; und mit dem Ausgangspunkt dieser wenigen, aber für mich tonangebenden Sätze schrieb ich im Winter 1977/78 "Ohne Eifer, ohne Zorn", während es nebenan weiter still war, weil niemand dort einziehen wollte, und der Katastrophe-Ruf aus mir selbst kam. Und so wurde es ein Debüt zum Fürchten, wie es dann in der 'Zeit' hieß, nur ich habe mich nicht gefürchtet, wie der junge Soldat, der in den Krieg zieht und sich für unverwundbar hält. Und dabei ist diese Novelle Ausdruck einer einzigen großen Wunde, wie ich beim Nachlesen gemerkt habe, einer Wunde ohne Blut.
Branzger, die treibende und getriebene Kraft des Textes, das war ich - aus heutiger Sicht gar keine Frage -, aber damals war mir dieses Ich zu nahe, um auch die Ich-Form zu wählen, ich wollte es von außen sehen, mich interessierte nur seine Oberfläche, der Körper, die Blicke, die Wörter; das sogenannte Innere, das Subjekt, oder gar die Innerlichkeit, das war mir alles verhaßt, und ich habe auch jeden gehaßt, der damit hausieren ging. Branzger hatte keine Vorbilder, am Anfang der Novelle telefoniert er mit einer Frau, über die man nichts Näheres erfährt, und erwähnt ihr gegenüber seinen greisen Nachbarn, der eventuell sterben könnte; nach dem Telefonat onaniert Branzger. Über den Anblick seines Spermas kommt er auf seine Arbeit: da gibt es einen Artikel über einen Kindermörder, da gibt es eine Geschichte über seine Militärzeit. Und das alles, in jeder Zeile, so politisch unkorrekt, wie man heute sagen würde, daß Branzger auf keinerlei Verständnis hoffen kann; deshalb muß er für sein Begehren auch zahlen. Aus heutiger Sicht ist er ein älterer Bruder von Houellebecqs jungem Informatiker, der in "Ausweitung der Kampfzone" 1994 die Bühne betrat, und rückblickend fällt mir auf, daß sich mit dieser Novelle eine doppelte Einsamkeit verbindet: die von Branzger, hinter der sich meine verbarg, und die des Textes, der veröffentlichten Novelle, für die es im literarischen Umfeld keinerlei Gesellschaft gab - "Ohne Eifer, ohne Zorn" war ein Buch, das niemand wollte -, es lag so quer zur damaligen Zeit, daß keine tausend Exemplare verkauft wurden, allerdings war die Wirkung weit höher, als diese Zahl vermuten läßt. Unter den wenigen Lesern befanden sich offenbar viele, die wiederum viele erreichten, mündlich, schriftlich oder gleich körperlich - denn die Novelle sollte den Leuten ja aus dem Körper sprechen, nicht aus der Seele. Erst beim Nachlesen ist mir klargeworden, wie sehr ich die Seele in die Haut verlegt habe, in welchem Maße das Subjekt in diesem Text als intellektuelles Subjekt liquidiert wird, um als begehrendes wiederaufzutauchen. "Er weiß, daß es zu dem, was er tut, nie eine Alternative gibt", heißt es ganz am Anfang. Branzger ist, wie sein Autor, tief in die Existenz eines bekannten Kindermörders eingedrungen (ich hatte damals ein Seminar über Jürgen Bartsch gehalten) und kommt zu dem Schluß, daß die Außergewöhnlichkeit eines Mörders nicht weniger preiswürdig ist als die eines Autors: beide tun nur, was sie nicht lassen können. Natürlich wäre die große Hirnforschungs-Debatte um den freien Willen, wie sie erst ein Vierteljahrhundert später - ich erschrecke bei diesen Zahlen - in der FAZ geführt wurde, damals hilfreich gewesen, wobei ich mir keineswegs anmaße, etwa schon frühzeitig so gedacht zu haben: ich habe höchstens so empfunden. Ich war meiner Zeit nicht voraus, ich war fast gänzlich außerhalb meiner Zeit. Das war der stärkste Eindruck beim Nachlesen dieses Erstlings, den ich sechsundzwanzig Jahre nicht mehr in der Hand hatte: Wie robinsonhaft meine Existenz damals war - und was dabei an Wirklichkeit zur Sprache kam, das Begehren und den Tod betreffend, gilt noch immer. Und dann auch ein Nebeneindruck, schwer zu verhehlen: wie erbärmlich doch Erstlinge sind, die gleich darauf setzen, jeden auf ihre kunstfertige Seite zu ziehen.
In "Ohne Eifer" wird im letzten Drittel, das in Oberitalien spielt, ein kleiner Ort am Gardasee beschrieben, seine Stille an einem Mittag im März, unter den noch kahlen Bäumen am Seeufer, "keine Form des Todes, sondern der Abwesenheit, selbst die weißgrauen Katzen auf den Mauern: da und nicht da; Stille wie eine lüsterne Verschwiegenheit". Heute wohne ich in diesem Ort zur Hälfte, ich überblicke ihn von unserem Haus aus - Torri del Benaco ist mir ein Stück Heimat geworden, das Stück, das dort schon damals geschlummert hatte und in der Novelle vorzeitig wahr wurde; "Ohne Eifer, ohne Zorn" ist ein Teil meiner Erde, einer stinkenden, aber auch fruchtbaren, aus der dann später ganz andere Bücher gewachsen sind.


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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors und des Herausgebers

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