|
|
|
|
P u b l i k a t i o n e n
|
|

|
Wunschzettel, Rückseite
In: Cicero, Januar 2006
Seite 134-135
|
|
|
Sie wünsche sich nur ein Pferd, sagt die Tochter bei jeder Gelegenheit – und auf dem Zettel für Weihnachten stand dann als Notlösung Fotohandy, Reiterhose, Reiterweste und: Die Fernsehdecke von „Verliebt in Berlin“ – für den schreibenden Vater alarmierend genug, um sich definitiv an ein Buch zu machen, das es mit Handys, Pferden und Fernsehdecken aufnehmen kann (und bei dem am Ende vielleicht noch ein richtiges Pferd herausspringt). Und so sitzt der Autor jetzt erstmals an einem Roman, der sich ganz um ein Kind dreht, und alle vorigen Bücher über Gründe und Abgründe der Liebe erscheinen dagegen wie ein Kinderspiel – jedenfalls kamen sie mir weit mehr entgegen als die Geschichte zwischen einer Zwölfjährigen, die schon ein kleiner Fernsehstar ist, und einem lebenslangen Verlierer, der sich nur für alte Filme interessiert (und im Leben keine Fernsehdecke gebraucht hätte). Diesem Mann, der gerade bei einem Banküberfall versehentlich eine Frau erschossen hat, fällt die Kleine auf dem Weg zu einem entlegenen Drehort in die Hände, und der ganze Roman erzählt von einer Nacht, die sie irgendwo in den Wäldern nahe der polnischen Grenze verbringen, in einem sinnlos schönen Wagen – auch der Chauffeur wurde versehentlich erschossen -, umgeben von Eis und Schnee, aber auch den Spuren von Wölfen, die’s in der Gegend wieder gibt. Und diesem Albtraum aus Angst und Langeweile setzt „Die kleine Garbo“, wie ihr rückwärtsgewandter Entführer sie nennt, immer wieder Gedanken entgegen, zum Beispiel die Gedanken daran, was sie wohl mit dem Lösegeld anfangen würde, auf das beide in der Kälte und Dunkelheit warten.
Unvorstellbar viel war das, vier Millionen... Seit sie wieder im Auto saß – hinten, unter der Hundedecke, mit Eisfüßen, während der Mann jetzt vorn Musik hörte, statt den Motor laufen zu lassen, damit man nicht den eigenen Atem sah -, seit einer Viertelstunde oder länger, sie verlor schon ihr Zeitgefühl, fragte sich die Kleine, was sie wohl mit so viel Geld machen würde, nicht an seiner Stelle: an ihrer, wenn man so überhaupt denken konnte, aber offenbar konnte man... Natürlich müsste man den Armen etwas geben, sonst wäre einem ja unwohl, so machte es auch ihre Mutter, meistens nach Erdbeben, wenn sie die Spendenhotline anrief, oder kurz vor Weihnachten, dann füllte sie rasch ein paar Vordrucke aus, auf dem gepackten Karibikkoffer, den für Amnesty und den für die Kinderdörfer, den für die Alten, die an Heiligabend allein waren, und einen fürs Tierheim. Die Armen, oder wie sollte man sagen: die mit wenig Geld oder gar keinem, die bekämen also etwas, nur nicht jeder, sonst bliebe nichts übrig von den Millionen – vielleicht also nur die Armen, die auf der Zeil saßen, wie der vor H&M auf dem Campinghocker mit seiner Katze, die musste er ja irgendwie durchbringen, oder die mit dem Zitterstock vor Saturn, da wusste man nie, ob sie stand oder kniete, so krumm war sie schon: Die bekäme einen Tausender in die Tasche geschoben, aber mit Handschuh, weil man ja auch nicht wusste, was in so einer Tasche alles war, am Ende noch Müll; und dann die bei Douglas, immer eingemummelt und schrecklich alt, obwohl der Schrecken erst kam, wenn sie sich für ein paar Cent bedankte, Herzlichen Dank, junge Dame!, klipp und klar auf Hochdeutsch. Da sollte sie den Schein einfach fallen lassen und rasch weitergehen, zum Opernplatz, wo’s keine Armen gab, auch keine gebildeten, die letzte armenfreie Ecke. Denn neuerdings saßen sie jetzt auch schon an der Schweizer Straße, also bei ihr nebenan, fünf oder sechs, an Samstagen mehr; und dann gab’s noch die vorm Klo in der U-Bahnstation, auch bei ihr um die Ecke, zehn oder zwölf, und immer um eine Pfütze, von Bier oder sonst was: fünfhundert für jeden, da könnten sie feiern, auch wenn ihr Vater sagte, es seien Rumänen, und nur Afrikaner seien echt arm. Aber die Afrikaner, die saßen am Hauptbahnhof, und das waren ziemlich viele, da musste ein Hunderter reichen, und jemand anderer sollte das alles verteilen, wegen der Ansteckung.
Also je hundert für die Schwarzen am Bahnhof und zweihundert für den Verteiler; und vom Bahnhof dann per Taxi gleich zur Hauptwache, da gab’s diese Mädchen, so alt wie sie, mit Ziehharmonika und der immer selben Russennummer, oder die Mütter mit Baby im Schoß, eine Hand aufhaltend, da könnte sie je einen Fünfziger reintun, in diese bleichen Handschalen, man müsste nur darauf achten, dass ihn keiner wieder herausnahm, da sollte sie auch wen bezahlen für, einen Kontrolleur, wie den vom Finanzamt, der neulich zu Hause war.
Und jetzt müssten eigentlich alle zufrieden sein, bis auf die Armen, die sich nicht zu erkennen gaben und trotzdem Hunger hatten oder behaupteten, Hunger zu haben – alles Lüge, sagte ihr Vater, die wollen nur nicht arbeiten, zu bequem, und ihre Mutter nahm sie in Schutz: Die würden keine Arbeit finden und seien unglücklich – wie ihr Entführer, wenn man ihm glauben konnte. Also auch für alle Normalarmen etwas – für die in der Stadt, nicht im ganzen Land, das wären zu viele, dann bliebe ja gar nichts mehr oder sie hätte gar Schulden, aber die hatte man sowieso – jeder, sagte ihr Vater, weil der Staat Schulden habe, eine Katastrophe mit zehn Nullen!, und ihr reichten
S. 135
schon fünf Nullen bei Herrn Zenk in Mathe – also Vorsicht und Schluss mit Verteilen, das meiste wollte sie schon gern behalten; ein Viertel Abgaben, sagten die Eltern immer, das sei mehr als genug.
Und da blieben noch drei Millionen, genug, um einen Reiterhof zu kaufen, da könnten sie auch gleich wohnen, man müsste daneben nur eine Schule bauen, eine ohne Herrn Zenk – dem sie eine OP schenken könnte, für seine Zähne... An diese schiefen Mathelehrerzähne dachte sie jetzt, vielleicht weil ihr die eigenen keine Ruhe gaben, vor Kälte oder vor Angst, bis sie wieder beim Reiterhof war, bei fünf Haflingern und zwei Stuten aus Andalusien, plus all den Fohlen mit Schönheitsfehlern, die sonst geschlachtet würden. Und dann käme die Familie dran: für ihre Mutter den Mini Cabrio, damit der peinliche Kombi verschwand, für ihren Vater einen Jeep von Hummer, den H1 Alpha in Schwarz, damit er den Silberaudi verkaufte; und für ihren Bruder gäb’s zwanzig Lacoste-Hemden, wenn er seine FDP-Shirts in die Kleidertonne stopfte, während sie nur noch reiten würde. Und wenn dann noch was übrig wäre, würde sie ihre Freundinnen zu einem Privatkonzert von Anastacia auf dem Reiterhof einladen, dazu alle, die bei „Verliebt in Berlin“ mitspielen, auch die Hexe, und an Weihnachten – da ließe sie nicht mit sich reden – ging’s in die Schweiz statt in die Karibik, zehn Tage Waldhaus, wo ihr Vater ja schon am ersten Abend über die Weinpreise gestöhnt hatte: Da könnte er jetzt trinken, was er wollte, sogar Tignanello, und ihre Mutter müsste sich keinen Skianzug mehr leihen und wie ein Michelinfrauchen aussehen. Der einzige Nachteil vom Waldhaus: Die meisten dort waren scheintot, oder man traf Leute, die man sowieso dauernd sah, in allen Nachrichten – gut möglich, dass jetzt diese Neue dort Urlaub machte, der könnte sie auch eine OP schenken, für ihre Mundwinkel, aber da müssten auch die anderen etwas bekommen, der mit dem Nussgesicht, und die, die’s nicht hinbekam, sich die Haare zu färben, oder der Dicke mit Brille: einen Gutschein zum Absaugen. Aber der wäre am Ende noch hinter ihrem Geld her: Denn welches Geld sei schon sicher, wenn Politiker auftauchten, sagte ihr Vater; also war’s vielleicht gar nicht so gut, reich zu sein, und viel günstiger, einen Wunschzettel auszufüllen, wenn sie überhaupt noch einen Wunsch hätte, außer dem Wunsch, nicht zu sterben.
Warum es da hinten so still sei, fragte ihr Entführer, und das Zittern fing wieder an, von den Beinen aufwärts über die Rippen bis in den Kopf; er hörte noch immer Musik, die Musik ihres Chauffeurs, den er erschossen hatte, eins von den Liedern, das immer lief, als er sie nachts über die Autobahn fuhr, damit sie noch ins Bett kam nach einer Talkshow oder Gala mit ihr, wenn sie hinten, vom Applaus noch benebelt, herumhing. He, schläfst du oder was?, fragte er, und sie machte ein Geräusch, das Nein hieß. Nein, sie schlief nicht, und das Träumen mit offenen Augen war auch vorbei – die Armen bei ihr um die Ecke blieben arm, und sie musste weiter mit dem Geld auskommen, das ihre Bekanntheit einbrachte, im Handumdrehen, wenn sie ehrlich war: Für ein bisschen Gerede im Fernsehen gab’s so viel, wie ihre Polin, die Wisla, im Haus für zwei Monate Putzen bekam. Irgendwie war’s also nur gerecht, hier im Kalten zu sitzen, auch wenn’s in einem Mercedes war, während draußen Wölfe herumliefen, über die Grenze gekommen, weil es hier mehr zu holen gab: mehr Wild, mehr Geld, mehr Spaß, dachte sie; und wer weiß; ob’s dabei nicht auch um Rache ging, weil hier alles leicht war, für sie jedenfalls, und dort alles schwer, für die Wisla bestimmt.
Du schläfst also nicht, murmelte der Mann auf dem Platz ihres Chauffeurs, dann können wir uns ja unterhalten... Er stellte die Musik aus und ließ den Motor an, und für einen Moment war er ihr nah oder näher, weil auch er es gemütlicher wollte. Von mir aus, sagte sie, unterhalten wir uns. Was haben Sie mit den vier Millionen vor? Würde mich mal interessieren...
-----------------------------------------------------
Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors
|
|
[ zurück ]
|
|
|
|

|
|
|
|
|